An Index of Metals

An Index of Metals

An Index of Metals: über futuristische Sinnlichkeit und kompositorisch entgrenzte Eigenheit

Mit der visionären, leicht psychodelischen Video-Oper „An Index of Metals“[1]– komponiert 2003 für Sopran, Ensemble, Multiprojektion und Elektronik – des jung verstorbenen italienischen Ausnahmetalents Fausto Romitelli (1963-2004), eröffnet das „ASPEKTE Festival für Musik unsrer Zeit“ seinen diesjährigen Reigen. Am 25. April um 19:30 Uhr wird im „republic“ (Anton-Neumayr-Platz 2) dieses knapp 50-minütige, vielseitige und inhaltlich recht düstere Stück in Szene gesetzt. Es ist eine Zusammenarbeit mit der Poetin Kenka Lèkovich (*1962), die das Originallibretto schrieb und dem Video-Dreiklang von Paolo Pachini (*1964) in Kooperation mit Leonardo Romoli (*1963), aufgeführt vom in Wien ansässigen Ensemble PHACE und der Sopranistin Daisy Press.

Fausto Romitelli studierte in Siena bei Franco Donatoni (1927-2000) und anschließend am Ircam[2] in Paris, wo er auf Komponisten der „Spektralmusik“[3] wie Gérard Grisey (1946-1998) und Tristan Murail (*1947) traf. In seinem letzten Lebensjahrzehnt hatte Romitellis Verschmelzung spektralistischer Techniken mit der Gestik und Klangwelt des Rocks und elektronischer Musik wie Techno internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wird bis heute insbesondere für seine letzte Oper „An Index of Metals“ bewundert.

Die Musik

„The Index of Metals“ ist das letzte kompositorische Vermächtnis des Italieners.
Jedwede Genregrenze definiert er für überkommen und sagte wörtlich: „Im Zentrum meines Komponierens steht die Idee, den Klang als Materie zu denken, in die man hineintaucht.“ Geeignetes Material findet er in der Klassik und Subkultur, orientiert sich an Pop- und Rockmusik und Technosounds. „Plastizität, Struktur, Stärke, Durchlässigkeit, Dichte, Glanz und Elastizität werden erfahrbar“, so der Komponist weiter.
Romitellis kompositorische Eigenheiten ziehen sich von Anfang an durch alle Sätze. Kaum ein Instrument hat Solopartien, lediglich das Violoncello und die Oboe bilden kurze Ausnahmen. „Metainstrumentierung“ nennt dies Martin Hiendl[4] in seiner Analyse des Stücks und ergänzt weiter: „Metainstrumente, die zwar in ihrer Zusammensetzung wechseln, aber immer einem gemeinsamen Gestus folgen.
Eine weitere Besonderheit seiner Instrumentierung ist die Mischung von Instrumenten aus der Rockmusik mit denen der klassischen Musik. Erst diese spezielle Kombination erzeugt die Heterogenität und die typische Spannung innerhalb der Klangsprache, die mit rein akustischen oder rein elektronischen Mitteln nicht erreicht werden könnte. Jedoch ist es nicht nur die Art der Klangquelle, die diese Spannung kreiert, sondern vor allem auch die musikalische Sprache der beiden Welten“.

Die Auswahl der Instrumente addiert neben dem klassischen Ensemble aus Holz, Blech, Rhythmusgruppe und Streichern auch E- und Bassgitarre, Stimmpfeifen, Mundharmonikas, Keyboard und ein Megaphon für die Sopranistin. Letztgenannte ist überhaupt im ganzen Stück lediglich etwas mehr als acht Minuten präsent. Auffällige oder besondere elektronische Stimmeffekte gibt es für die Sopranstimme nicht. Hier unterscheidet sich übrigens eine Live-Aufführung deutlich von den verschiedenen CD-Veröffentlichungen, bei denen allesamt synthetische Effekte in der Post-Produktion eingebaut wurden. Bei der Aufführung sind insgesamt 39 Audiodateien im Werk zu finden. Diese wurden von Fausto Romitelli immer wieder in Interviews als dezidiert wichtige heterogenisierende Elemente hervorgehoben.

Der Text

Die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Kenka Lèkovich schrieb im Jahr 2003 unter dem Obertitel „Metalsushi“ drei Gedichte in englischer Sprache, die jeweils mit „Hellucination 1 (drowningirl)“, „Hellucination 2 (risingirl)“ und „Hellucination 3 (earpiecingbells)“ überschrieben sind[5] . Die im italienischen Triest lebende Autorin hat diese subversiven, harten, futuristischen und dunklen Gedichte als Momente des Fallens und in die Tiefe hinab sinkend geschrieben. Das lässt sich in der Kombination mit Romitellis Musik bei „An Index of Metals“ sowohl für die Materie als auch für Töne interpretieren. Alles ist in einer Abwärtsbewegung befindlich. Die Lyrikerin bezieht sich inhaltlich auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan und dessen tiefenpsychologischer Herangehensweise aus einem Drehen, ein Fallen werden zu lassen.
Romitelli wiederum fragmentierte ihre Texte durch Auslassungen, veränderte die Reihenfolge und teilweise den Erzählfokus. Schließlich verteilte er die Gedichte sehr ungleich auf die verschiedenen musikalischen Sätze. Zur Begründung seines Eingriffs verwies er auf sein musikalisches Hauptinteresse am Phonem[6] im Gegensatz zum literarischen Grafem[7].
Ursprünglich hatte Fausto Romitelli übrigens daran gedacht, Texte von Georges Bataille (1897-1962) zu verwenden.

Das Video

Paolo Pachinis und Leonardo Romoli verwendeten für das Videowerk, das auf drei nebeneinander installierten Leinwänden zu sehen ist, Aufnahmen von irisierenden Lichteffekten metallischer Oberflächen sowie unscharf anmutende, mikroskopische Durchblicke, die in einer unterschiedlich farbigen Montage zusammengestellt wurden. Komponist und Videokünstler erarbeiteten über einen längeren Zeitraum die synästhetischen Komponenten. Romitelli erklärte dazu: „Es wird […] ein neues Konzept präsentiert, bei dem Sound und Licht Teil eines einzigen, durchgehenden Prozesses werden, geradeso wie bei der Verbindung von Musik und Video auch Klangfarben und Bilder nur Elemente ein und desselben Kontinuums sind und auf dieselbe Weise per Computer transformiert werden. Erzählt wird die Geschichte von der Verschmelzung der Wahrnehmung, von der Abwesenheit von Grenzsteinen und Orientierungspunkten, vom Auseinanderbewegen entgrenzter Körper im Hochofen einer rituellen Soundmesse.”

Ein Gesamtkunstwerk par excellence!

Hamburg, 19.3.2018
Prof. Claus Friede

[1] Die Uraufführung fand am 3. Oktober 2003 in L’apostrophe. Cergy/Frankreich statt.
[2] Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique, (deutsch: Forschungsinstitut für Akustik/Musik)
[3] Die Spektralmusik beruht auf den Obertönen der Klänge. Die Grundlage des neuen Komponierens basiert vor allem auf feinen Modifikationen der Klangfarben. Vorläuferkomponisten dieses Verfahrens sind Giacinto Scelsi, Maurice Ravel und Olivier Messiaen.
[4] HIENDL, Martin: Fausto Romitelli: An Index of Metals. Eine kompositorische Analyse, 2012
[5] Die vollständigen Gedichte finden sich auf der Homepage: https://www.ictus.be/index-metals-lyrics
[6] lautliche Einheit auf der Ebene des Sprachsystems
[7] bedeutungsunterscheidende, grafische Einheit des Schriftsystems

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