Aspekte Festival 2018 – eine erste Annäherung

Aspekte Festival 2018 – eine erste Annäherung

Seit 42 Jahren findet zum 36. Mal das Aspekte Festival für Musik unserer Zeit statt. Das seit 2006 im Biennale-Rhythmus stattfindende Festival widmet sich in diesem Jahr unter dem Titel „Moving Pictures“ der Welt des Films und der Filmmusik im Besonderen.

Ludwig Nussbichler, Komponist, Musikdramaturg, Pädagoge am Musikum und künstlerischer Leiter der Aspekte Salzburg ist davon überzeugt, dass in der Verbindung zweier unterschiedlicher künstlerischer Genres wie Film und Musik ein großes Potential für beide Seite steckt. „Mir ist es hierbei wichtig, dass sich beide Kunstformen gleichberechtig und auf Augenhöhe begegnen.“ Ihn interessiert also nicht, „wo die Musik ein rein dienendes Element für den Film und dessen Erzählung ist. Das ist natürlich abhängig von den jeweiligen künstlerischen Protagonistinnen und Protagonisten, die da aufeinandertreffen und zusammen arbeiten.“
Der Titel für das diesjährige Programm ist pragmatisch, nüchtern beschreibend: Bewegte Bilder. Für Nussbichler beinhaltet der Titel nicht nur die üblicherweise narrative Richtungs- und Bewegungsbezogenheit eines Films, sondern auch den Effekt, „dass Bilder uns bewegen. Das steckt bereits im englischen Begriff für Gefühle – emotions. Da wird etwas in uns bewegt.“

Der Film, beinahe egal welcher Untergattung er angehört, erreicht in unserer permanenten Bilderflut ein immens großes Publikum und ohne es besonders zu provozieren, erreicht auch damit die Musik ihr Publikum und ebenso Neue Musik – oft eigens für den Film komponiert. Dies ist eine große Chance für die Musik unserer Zeit, für Komponistinnen und Komponisten sich gleichberechtigt an Orten und Stellen Gehör zu verschaffen, die Ihnen sonst verschlossen sind. Außerdem kann neue Musik – wie viele andere Musik sicherlich auch – innere Bilder produzieren, unser Kopfkino speisen, unsere Vorstellung und Phantasie anregen. Hier verweben sich die einzelnen Fäden der Begrifflichkeit aus Bewegung, Gefühlen und künstlerischen Botschaften miteinander.

Die Geschichte zeigt uns ebenso, dass zeitgenössische Musik Ausgangspunkt für Film und Bilder sein kann, angefangen von den Filmen von Hans Richter (1888-1976) und Oskar Fischinger (1900-1967), die sich bereits zu Beginn des Tonfilms in der 1920er-Jahren Gedanken machten wie sich Musik und Film mittels visueller Effekte verbinden ließen. Oder Edgard Varéses (1883-1965) Versuch in der 30er-Jahren eine Simultaneität zwischen Musik und Film zu erarbeiten bis zu Dimitri Terzakis (*1938) mit seiner „Musik für einen imaginären Film“. Selbst der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski aus dem Jahr 1874, gehört in diesen Bereich. Die einzelnen Sätze beschreiben Gemälde und Zeichnungen seines im Jahr zuvor gestorbenen Freundes Viktor Hartmann, die Mussorgski auf einer Gedächtnisausstellung gesehen hatte. Die Bewegtheit der Musik ändert die Bewegungen der Bilder. Man muss die Bilder von Hartmann gar nicht kennen, um vor seinem inneren Auge von einem Bild zu anderen gleiten zu können. Die Vorstellung der bildproduzierenden Klangwelt ist also eine, die auf Tradition basiert.

Vier Filme bilden den Nukleus des Aspekte Festivals 2018: eine psychodelische Video-Oper namens „An Index of Metals“ (2003) für Sopran, Ensemble, Multiprojektion und Elektronik des jung verstorbenen italienischen Komponisten Fausto Romitelli (1963-2004). Dieses knapp 50-minütige vielseitige futuristische Stück ist eine Zusammenarbeit mit der Poetin Kenka Lèkovich und dem Video-Dreiklang von Paolo Pachini.
Das 1988 vom amerikanischen Minimalmusiker Steve Reich komponierte Werk „Different Trains“ bildet den Ausgangspunkt neuer Stücke diverser Komponistinnen und Komponisten sowie einer Videoinstallation für die Aspekte.
Zugfahren ist nicht gleich Zugfahren – die Differenz zwischen Reise und Transport rhythmisiert sich. Als Jude reiste Reich in den Jahren von 1939 bis 1942 öfters mit dem Zug von New York nach Kalifornien während gleichzeitig Juden in Europa in den Holocaust transportiert wurden.

Zu den Anfängen des Films führt „Orlac’s Hände“. Im Horror-Stummfilm von Robert Wiene aus dem Jahr 1924 geht es um einen Konzertpianist namens Paul Orlac, der bei einem Zugunglück beide Hände verlor und dem die, eines hingerichteten Mörders angenäht werden. Schon bei diesem ersten Satz wird die Phantasie beflügelt.
Der in Köln und Wien lebende Komponist Johannes Kalitzke (*1959) erarbeitete eine „Partitur der Ängste“, die mit dem Stuttgarter Kammerorchester uraufgeführt wird. Gespannte Erwartung wie Film (damals) und Musik (heute) sich symbiotisch verhalten und die Geschichte anders erzählen mögen.

Experimentaler wird es wohl bei „frozen gestures“ zugehen. Das Ensemble NAMES entwickelt gemeinsam mit der in Wien lebenden Video- und Digitalkünstlerin Conny Zenk bewegungsfrohe Klang- und in der Regel Gitter- und Netz-artigen Bildräume für audio-visuelle Experimente.

Nicht nur im Kontext des Aspekte Festivals steht die Musikvermittlung als zentrale Säule in der Arbeit von Ludwig Nussbichler. Auf die Frage, die wir uns auch als Publikum stellen sollten: „Wo ist die Neugierde geblieben, wo die Entdeckungssehnsucht, wo unser Mut und wo unser Pioniergeist?“ antwortet der künstlerische Leiter: „Jedes einzelne Konzertprogramm ist so erdacht, dass es für ein Publikum mit offenem Geist und Ohren ein besonderes Hörerlebnis sein kann. Die programmatische Einbeziehung der agierenden Künstlerinnen und Künstler steht auch deswegen an oberster Stelle.“ Diese Verantwortung verteilende Haltung ist eine überaus nachvollziehbare Antwort auf die im Musik- und Konzertgeschäft häufig vorherrschende hierarchische Struktur. Die konkrete inhaltliche Einbindung der Agierenden bedeutet nämlich, dass auch das Publikum an der Verantwortung teilnehmen darf und muss. Durch die kommunikative Verantwortung kann dem Publikum – das beim diesjährigen Themenschwerpunkt über das Mittel Bewegtbild noch vielseitiger eingebunden wird – auch eine Verantwortung am jeweiligen Werk an sich übertragen werden.

Auffallend ist beim Studium des Programms ein gewisser Eurozentrismus. Die Achse Wien – Paris zieht sich durch, wie ein gemeinsamer Nenner: Ausbildung, Wohnort, Orientierung, Tradition etc. Hier ist sicherlich eine musikalische und biographische Verortung des künstlerischen Leiters Nussbichler zu kartographieren. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings keineswegs, dass außereuropäische Auffassungen missbilligt würden. Vielmehr ist es eine Selbstverständlichkeit, dass auch dafür Platz vorhanden ist.

Ein Festival für Neue Musik – beinahe egal wo es stattfindet – hat es in der Regel schwer. Es hat es schwer neben öffentlicher Förderung auch private zu erhalten, es hat es schwer ein größeres Publikum anzusprechen, eben genau jene zu finden, die vor Neugierde schier platzen und dem nachzuspüren, was zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten schaffen. Aber oft – kommt der Appetit beim Essen… Ich jedenfalls bin schon hungrig.

Salzburg, 29.1.2018
Autor: Prof. Claus Friede (Hamburg/Riga)

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