Eine Zeitreise zwischen Klängen, Bildern und phantasievollen Filmschichtungen

Eine Zeitreise zwischen Klängen, Bildern und phantasievollen Filmschichtungen

Das 1988 vom amerikanischen Minimalmusiker Steve Reich komponierte Werk „Different Trains“ bildet den Ausgangspunkt einer Aufführung des London Contemporary Orchestra (LCO) – String Quartets mit einer Videoinstallation von Beatriz Caravaggio sowie neuer Stücke diverser britischer Komponistinnen und Komponisten für die Aspekte 2018 (26. April, 19:30 – 21:00h, republic, Anton-Neumayr-Platz 2, Salzburg).

Mitte der 1980-er Jahre erhielt Steve Reich vom renommierten „Kronos Quartet“ aus San Francisco den Kompositionsauftrag für ein Werk. Dachte der Minimalkomponist zunächst daran, ein Stück für Streichquartett mit Stimme zu schreiben – seine erste Idee war mit der Stimme Béla Bartóks oder Ludwig Wittgensteins zu arbeiten – kam ihm schließlich seine eigene Geschichte in den Sinn, die in eine synchronoptische Vergleichbarkeit gestellt werden sollte.
„Die Idee für das Stück kam aus meiner Kindheit. Als ich ein Jahr alt war trennten sich meine Eltern. Meine Mutter zog nach Los Angeles und mein Vater blieb in New York. Da sie geteiltes Sorgerecht vereinbart hatten, reiste ich von 1939 bis 1942 und begleitet von meiner Gouvernante, häufig mit dem Zug zwischen New York und Los Angeles. Während das Zugreisen damals aufregend und romantisch war, schaute ich Jahre später zurück und dachte, wenn ich während dieser Zeit in Europa gewesen wäre, hätte ich als Jude differenziert andere Züge nehmen müssen“ [1] , erklärte Steve Reich zur Premiere im November 1988 in der Queen Elizabeth Hall zu London.

Zugfahren ist nicht gleich Zugfahren – die Differenz zwischen Reise und Transport rhythmisiert sich in „Different Trains“ eindringlich. Als Jude reiste Steve Reich innerhalb der USA öfters mit dem Zug während gleichzeitig in Europa Juden in die Shoa transportiert wurden.

Je nach Interpretation dauert „Different Trains“ zwischen 25 und 40 Minuten und gestaltet sich aus drei Sätzen und verschiedenen musikalischen, narrativen und bezugsorientierten Elementen.
Auf der intensiven Suche nach einer akkuraten und sinnhaften Reflexion nahm Reich vier verschiedene Klangebenen auf oder sammelte vorhandenes Material:
1. Stimmaufnahmen der damaligen Gouvernante Virginia von Steve Reich, die mittlerweile in ihren 70ern war, und sich an die Zugfahrten erinnerte.
2. Stimmaufnahmen eines Schlafwagenschaffners namens Lawrence Davis, der zur Zeit der Aufnahmen in seinen 80ern war und aus seiner Zeit als Zugbegleiter von New York nach Los Angeles über das Reisen und sein Leben in Erinnerungen schwelgte.
3. Stimmaufnahmen der Holocaust-Überlebenden Rachella, Paul und Rachel, die zur Aufnahmezeit im gleichen Alter wie Steve Reich waren und nach Verlassen Europas in den USA lebten und über Ihre Erlebnisse berichteten.
4. Geräuschaufnahmen aus Sammlungen von amerikanischen und europäischen Lokomotiven und Züge der 1930er und 40er sowie Sirenen und Warntöne.

In der kompositorischen Abfolge reihen sich weibliche und männliche Stimmen zu bruchstückhaften Aussagen: „…from Chicago to New York“, „…to Los Angeles”, „In nineteen-thirty-nine“ (Im Jahre 1939), „nineteen-forty-one“ (1941).
Übergangslos geht es vom ersten Satz „America – before the war“ in den zweiten „Europe – during the war“. Luftalarmsirenen sind zu hören. Wortfetzen, die kaum zu verstehen sind, authentische Berichte von Juden während des zweiten Weltkriegs „The Germans walked in“, „walked into Holland“, „No more school“, „you must go away“!.
Im dritten und letzten Satz „After the war” muss sich zunächst alles erst einmal sammeln. Beständige Beschleunigung als Motiv, „Going to America“, aber immer die Erinnerungswelt Europas reflektierend. „There was one girl with a beautiful voice“ – „and they loved to listen to the singing, the Germans“ – „and when she stopped singing they said, ‚more, more‘ and they applauded” (da war ein Mädchen, das eine schöne Stimme hatte – und sie liebten es, dem Singen zuzuhören, die Deutschen – und wenn sie aufhörte zu singen, sagten sie ‘mehr, mehr’ und applaudierten).

Neben dem klanglichen Erlebnis kommt das der eigens dafür entstandenen Videoinstallation der spanischen Filmemacherin Beatriz Caravaggio aus dem Jahr 2016 hinzu. Ihre Sammlung aus seltenem historischen Archivmaterial und der Verfremdung und Einfärbung der beweglichen Bilder, wird in einen neuen Kontext gestellt. Weit entfernt von bloßer Kommentierung oder dienender Plakatierung der Musik kreierte Caravaggio durch Aneinanderreihungen, Fragmente und Perspektivwechsel ein eigenständiges narratives Werk: Blicke auf Züge und aus Zügen im 1. Satz. Sirenen, Soldaten und der Überflug aus niedriger Höhe über ein Vernichtungslager, Menschen in gestreifter KZ-Kleidung hinter Stacheldraht, wo Warntöne im 2. Satz dem Rhythmus weichen. Und schließlich zur Überwindung, zum glücklichen Reisen im 3. Satz, Geschwindigkeit aufnehmend und die Methode des „Re-Composings“ und der „Filmarchäologie“ zur Vollendung führend.

Erweitert wird das Gesamtprogramm durch neue Stücke verschiedener junger und sehr erfolgreicher Komponistinnen und Komponisten. Die Werke von Mica Levi (*1987), Edmund Finnis (*1984) und Jonny Greenwood (*1971) werden vom London Contemporary Orchestra (LCO) unter der Leitung von Robert Ames vorgestellt, der für diesen Programmteil, gemeinsam mit Aspekte-Leiter Ludwig Nussbichler, verantwortlich zeichnet.
Robert Ames fasst in einem Gespräch [2] zum Programm zusammen: „Diese drei Komponisten repräsentieren für uns etwas, was die beste Musik ausmacht, die im Vereinigten Königreich im Moment geschrieben wurde. Mica und Ed sind junge Musiker, die seit geraumer Zeit durchstarten und ihren Karrieren wichtige Meilensteine hinzufügen. Mica genießt gerade ihren kommerziellen und internationalen Zuspruch mit ihrer Oscar-Nominierung, während Ed große Erfolge in Konzerthallen feiern kann. Mica und Ed wuchsen mit der Musik von Radiohead und Steve Reich auf.

Zwar gibt es keine erklärbare akademische Verknüpfung zwischen den Komponistinnen und Komponisten – vielmehr funktioniert die Musik der Beteiligten unglaublich gut miteinander! Jonny bildet in dem Dreigestirn eine Ausnahme, denn seine Arbeit ist sowohl von Steve Reich beeinflusst als auch eine Beeinflussung für Steve Reich geworden.“

Jonny Greenwood feiert in diesen Tagen mit seiner Filmmusik für „Der seidene Faden“ (Regie: Paul Thomas Anderson. Originaltitel: Phantom Thread) und seiner Live-Performance in der Royal Festival Hall in London Premiere [3]. Der Original Soundtrack von Greenwood wurde zudem vom LCO und Robert Ames eingespielt.

Näher können sich Film und die Musik unserer Zeit nicht kommen!

Hamburg, 19.2.2018
Autor: Prof. Claus Friede (Hamburg/Riga)


[1] Zitat im Original: “The idea for the piece came from my childhood. When I was one year old my parents separated. My mother moved to Los Angeles and my father stayed in New York. Since they arranged divided custody, I travelled back and forth by train frequently between New York and Los Angeles from 1939 to 1942 accompanied by my governess. While the trips were exciting and romantic at the time I now look back and think that, if I had been in Europe during this period, as a Jew I would have had to ride very different trains.“ Steve Reich. Quelle: Boosey & Hawkes Bote & Bock GmbH, Berlin

[2] Gespräch mit Claus Friede am 15.2.2018.

[3] Weitere Informationen: http://www.robertames.co.uk/phantom-thread-live/

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