Tristan Murail . Der Klangmagier

Tristan Murail . Der Klangmagier

„I’ve been told, that my music tells a story, but I don’t know the story.“ (dt.: Mir wurde erzählt, dass meine Musik eine Geschichte erzählt, aber ich kenne diese Geschichte nicht.) – dieses Zitat wird Tristan Murail zugeschrieben. Aber wer ist dieser Klangmagier (wie Ludwig Nussbichler ihn nennt)? Was verbindet ihn mit Salzburg? Wie erleben ihn Musiker?

Die Aspekte 2016 stellen Tristan Murail zu ihrem 40jährigen Jubiläum ins Zentrum des Festivals als composer in residence. Aber wer ist Tristan Murail?
Der 1947 in Le Havre geborene französische Komponist gilt als Superstar der Neuen Musik oder Spektralmusik – meist auch musique spectrale genannt. In den 70er Jahren gründete er mit anderen französischen Komponisten das Ensemble l`Itinéraire und die gleichnamige Künstlergruppe von jungen Komponisten und Instrumentalisten. Schon wenige Jahre darauf began er sich für elektronische Musik zu interessieren und arbeitete eng mit dem Zentrum für elektronische Musik in Paris zusammen: dem IRCAM. Drei Jahre war Murail in Salzburg Gastprofessor für Komposition.

5 Minuten mit Tristan Murail – hier hören Sie den Komponisten sprechen (auf französisch mit englischen Untertiteln) und bekommen einen kleinen Einblick in „Liber fugularis“ (Aspekte 2016 . Konzert VII):

In seiner Zeit in Salzburg als Gastprofessor hatte er auch schon mit dem oenm zusammengearbeitet und der künstlerische Leiter Peter Sigl beschreibt die Bedeutung des Komponisten und seiner Musik für das oenm:
„Tristan Murail steht uns nahe, da wir in der Zusammenarbeit mit ihm persönlich wesentliche Einblicke in seine Musik und sein Denken gewinnen konnten. Durch ihn haben wir den schärfsten Einblick in die Welt der „spektralen Klänge“ erlebt, die er nicht zum Selbstzweck einsetzt, sondern aus denen seine Musik eigentlich besteht und die ihr erst Leben geben. Besonders schätzen wir immer wieder seinen Zyklus „Portulan“, der genau für unsere oenm Stammbesetzung geschrieben ist, und der seit vielen Jahren hoffentlich noch lange Zeit durch neue Werke erweitert wird.“

Auf die Frage was Tristan Murail für sie und das oenm bedeutet, antworte auch die Flötistin Irmgard Messin:
„Tristan Murail ist ohne Frage als einer der bedeutendsten Vertreter der französischen Moderne zu sehen. Das Besondere an der Musik Tristan Murails ist die expressive Klangsprache und die poetische Konzeption seiner Stücke – z.B. beim „Portulan-Zyklus“. Teile dieses Zyklus hat das oenm unlängst in Salzburg bei einem Portraitkonzert für den Komponisten aufgeführt. Da Murail zu dieser Zeit eine Gastprofessur an der Universität Mozarteum innehatte, war eine persönliche Begegnung möglich – was sehr bereichernd und ungemein wichtig war für ein tiefer gehendes Verständnis seiner Musik.“

Hier können Sie eines der Stücke von Tristan Murail – Memoire / Erosion anhören:

Aber was ist Spektralmusik und in wie weit unterscheidet sie sich von anderer Musik? Der Musikwissenschaftler Hans Gebhardt schreibt hierzu:
„Essenziell für das spektrale Komponieren ist nicht nur die Herleitung des zu verarbeitenden Materials aus der Obertonreihe, sondern auch ein bestimmtes Verständnis der Klänge; diese begreift Gérard Grisey als Mikroorganismen mit je eigenem Charakter und eigener Dynamik; die Unterschiede und Übergänge zwischen den verschiedenen Ausprägungen des Klangs darzustellen ist eine der wichtigsten Aufgaben, welchen der französische Spektralismus sich stellt.“
Ludwig Nussbichler, der Künstlerische Leiter der Aspekte, beschreibt die Spektralmusik als Klangschmelze. Es ist Neue Musik, die vom Ohr ausgeht. Um es mit einem Satz zu sagen: „Die Spektralmusik ist ein in die Natur des (Oberton-)Klangs hineinhorchen und -spüren.“
Für die Pianistin Ardita Statovci klingt ein Stück aus einer breiten Palette feinster Farbnuancen nach.

Tristan Murail selbst definiert Spektralmusik als Annäherung des Komponisten an die Studien der Spektren. Spektren sind wiederum die Analyse von Klang, der in simple elementare Komponenten niedergebrochen werden kann. Was wir mithilfe der Technik bestimmen können – heute ist es ja der Computer – ermöglicht uns den vertikalen Inhalt als auch die Evolution in der Zeit zu verstehen. Es gibt uns die Möglichkeit das Material mit dem wir arbeiten zu verstehen und neue Dingen zu sehen: neue harmonische Aggregatzustände, neue Typen von Timbre und so weiter.
Für Tristan Murail ist Spektralmusik eine Musik der Natur, die mit Mitteln der Technik dechiffriert wurde.

Spektralmusik ist also eine Sprache der Musik, die sich intensiv mit Klang und seiner Entstehung auseinandersetzt. Als eines der wohl spektakulärsten Werke gilt Gérard Griseys „Vortex temporum“, welches Sie sich hier anhören können:

Gérard Grisey war wie auch Tristan Murails Mitbegründer und Mitglied von l`Itinéraire. Was beide noch verbindet?
Wie auch Grisey zeigt sich bei Tristan Murail seine Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftlichen auch in den Kompositionen:

Zum Beispiel im Eröffnungskonzert mit dem Mozarteumorchester Salzburg wird sein Werk „Reflections / Reflets I: Spleen“ als auch „Reflections / Reflets II: High Voltage / Haute tension“ aufgeführt.
Einerseits setzt sich der Komponist mit dem optischen und akustischen Phänomen der Reflexion auseinander (das Werk trägt den zweisprachigen Titel deshalb, weil es ein Auftragswerk des BBC Symphony Orchestra war und Tristan Murail deshalb das Werk in beiden Sprachen – englisch und französisch – benennen musste) und andererseits mit Strom. Der Komponist und das Vorbild Claude Debussy, als auch der Dichter Charles Baudelaire, eine Ikone der literarischen Moderne, sind die Inspirationsquellen für Murails tönende Reflexionen über Vergangenheit und Gegenwart.

Live auf jeden Fall ein Erlebnis der besonderen Art, aber schon mal zum reinhören:

Oder auch im Werk „Liber fulguralis“ – welches zugleich auch das Werk bei den Aspekten 2016 sein wird, welches Murails Affinität zur elektronischen Musik und sein Vision von einem Gesamtkunstwerk (das Werk entstand in Zusammenarbeit zwischen Musik, Bild und Ton) zeigt. Das Werk (zu deutsch: Buch der Blitze) beschäftigt sich mit antike Orakeln und Blitzen, die in alten Mythen vom Himmel geschleudert werden. Es geht um die verschiedenen Lesearte des Blitzes. Wieder steht, wie schon in „Reflections / Reflets II: High Voltage / Haute tension“ der Storm im Feld der Auseinandersetzung – Storm, Spannung, Natur werden in der Musik erlebbar und auch visuell sichtbar.

Zwei weitere wiederkehrende Elemente im Programm der Aspekte 2016 finden sich in den Werken Murails: die Natur einerseits und die Glocken. Wie auch die Aspekte zurückblicken auf ihre 40jährige Vergangenheit, blickt Tristan Murail mit seinem Werk „Cloches d’adieu, et un sourire… in Memoriam Olivier Messiaen“ auf seinen Lehrer zurück: eben mit einem Lächeln und mit Glocken zum Abschied.
Die Magie der Natur zeigt sich auch in dem Stück „La Mandragore“ – die Mandragore zu deutsch auch: Alraune ist eine Pflanze, der man seit der Antike Zauberkräfte zuschreibt. Der Klangmagier spielt mit den Mitteln der Alchemie der Musik um diese Pflanze akustisch beschreibbar zu machen und erfindet einen Spirale von spektralen Klängen, die noch lange nachklingen.
Die Natur zu erforschen: seit seiner Kindheit sei Tristan Murail von Landkarten und -vermessung fasziniert. In „La chambre des cartes“ setzt er dieser Faszination ein Denkmal – und auch der Phantasie auf Reisen zu gehen. Lassen Sie sich von der Musik begleiten!

Hier können Sie mit Tristan Murail auf die Reise nach Gondwana gehen:

Der sehr scheue Komponist gibt selten Interviews und vielleicht ist gerade das auch eine der unglaublichen Vorteile für die Zuhörer und sein Publikum: in der Musik Geschichten zu finden – und zwar aktiv und selbst diese Geschichte, die uns Tristan Murails Musik erzählt zu suchen und zu finden und uns darin zu verlieren und wiederzufinden.
Und vielleicht ist sein bewusstes Nichtsprechen über die Musik auch eine Form von Freiheit seinem Publikum gegenüber die Musik für sich sprechen zu lassen ganz nach dem Motto: „I’ve been told, that my music tells a story, but I don’t know the story.“

Auf jeden Fall: Tristan Murails Musik ist ein Kaldeiskop an Klangfarben und -spektren, die in einer unglaublichen Harmonie von kräftig leuchtenden farbigen Wellen in einem ständigen Fluss die Natur widerspiegeln. Folgen Sie dieser Magie der spektralen Klänge der Musik bei den Konzerten des Aspekte Festivals und erleben sie die Magie des Klangs von Tristan Murail. Lassen Sie sich verzaubern und hören Sie in den Klang hinein!

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