aspekteFESTIVAL 2020 – Eine Zweite Annäherung

aspekteFESTIVAL 2020 – Eine Zweite Annäherung

Woraus besteht die Musik unserer Zeit, was macht sie aus? Und überhaupt: Ist es die, die wir hören, ist es die, die komponiert wird oder die, die zeitgenössisch ist, im Hier und Jetzt wohnt? (Wobei auch das zu definieren wäre). Wie es bereits im Festivalnamen angelegt ist, handelt es sich um „Aspekte“ von Musik unserer Zeit – um Blickwinkel und Betrachtungsweisen, die auch ein Daneben, ein Gegenüber, eine Alternative kennen. Aspekte leben nicht von der Ausschließlichkeit, sondern von ihrem fragmentarischen Charakter – sie stehen in einer Reihung mit anderen. Und sie sind nur dann objektiv, wenn die Alternative mitgedacht wird. 

Auch wenn der Herkunftsursprung des Begriffs „Aspekte“[1] vom Visuellen, vom „Anschauen“ kommt, so ist die Übertragung zum Auditiven mehr als legitim, denn es gibt in gleicher Weise akustische Alternativen – und nicht nur physikalisch.

Fügt man also die Namesbausteine des Festivals „aspekte – Musik unserer Zeit“ zusammen, so ergeben sich Alternativen – viele Alternativen, um auf die Neue Musik zu blicken, auch zu denken und hineinzuhören! Musik unserer Zeit braucht keine feste Definition, die Grenzen sich porös und durchlässig. Es ergeben sich Überschneidungen mit anderen Musikgattungen, mit anderen Genres und so generieren sich ungewohnte Facetten, Denkrichtungen, Kontexte und somit ebenfalls Vielseitigkeit.

Das aspekteFESTIVAL findet vom 25. bis 29. März 2020 in Salzburg statt und fokussiert – erneut unter der Intendanz von Ludwig Nussbichler – eine ungeheure Bandbreite. Er setzt auf bereits 2018 erfolgreiche Formate wie „Moving Pictures“ als auch auf Spannungsfelder mit den Medien: Performance, Video und Visual Arts.

Das Konzept ist prägnant und konsequent in seiner künstlerischen Haltung, überall findet der Festivalbesucher allerhand Themen auch außerhalb der Musik, deren Fragen – und Antworten – jedoch musikalisch reflektiert werden. Das zeigt sich insbesondere bei der Auswahl des österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud als „Composer in Residence“. Seit 2018 arbeitet dieser als Kompositionsprofessor an der Universität Mozarteum in Salzburg und so liegt es nicht nur lokal nahe, ihn ausgewählt zu haben, um sein Werk intensiv zu beleuchten, sondern eben auch inhaltlich. Staud ist ein Komponist, der sich sehr erfolgreich auf „Gott und die Welt“ einlässt. Will sagen, philosophisches Gedankengut ist ebenso Inspirationsquelle wie gesellschaftliche Entwicklungen, politische Prozesse und kulturelle Auseinandersetzungen. Bei Staud gibt es keinen „Elfenbeinturm“, keine Unberührtheit von Welt, lediglich hier und dort etwas Traumhaftes und ganz in der eigenen Fantasie beheimatetes. 

Anregung findet der Komponist vornehmlich bei den Schwesterkünsten: Literatur, Film, Kunst und Architektur. Einerseits ist das ein klassischer Ansatz und geht zurück in die griechische Antike als die Künste noch nicht so stark und deutlich voneinander getrennt waren[2], andererseits ist es ein zeitgenössisches Prinzip eines synchronoptischen Weltbildes[3] und Denkens.

Dass Staud sehr präsent sein wird auf dem aspekteFESTIVAL ist selbstredend, gleich zum Eröffnungskonzert können die Besucher das fantastische Ensemble Resonanz (Kammerorchester in Residence der Elbphilharmonie Hamburg) genießen mit u.a. Oskar (Towards a Brighter Hue II) (2018). Je nachdem welches Orchester sich diesem Violin-getragenen Stück annimmt, es klingt nie gleich.

Internationale Orchester und Musiker bereichern das sowieso schon besondere Musikklima der Mozartstadt. Besonders gespannt können die Festival-Anwohner (ein Festival besucht man nicht, man wohnt in ihm) auf die C-Camerata Taipei sein. 

Das einst 2011 als Klaviertrio gegründete und seit 2014 erweiterte gemischte Ensemble besteht ausschließlich aus Musikern Taiwans, treten aber vorrangig in Asien, Europa und Nordamerika auf. Zwar präsentieren die Musiker vornehmlich moderne Klassiker und Zeitgenossen, aber auch auf asiatische Kolorite wird keineswegs verzichtet. Diese Gradwanderung mit unterschiedlichen Kulturen gelingt meist nur selten überzeugend, die C-Camerata Taipei schafft jedoch einen expressiven und ästhetischen Klangraum, in denen Stilismen zeitweilig aufgelöst werden. In einer globalisierten Welt sind derlei Annäherungen schon längst kein exotischer Ausflug mehr. Erwähnenswert sei noch, dass Ende 2018 das Kammerorchester die Uraufführung von Sieben Wege in H. für Violoncello und Ensemble (op. 106) des Salzburger Komponisten, Dirigenten (und Gründers des aspekteFESTIVAL) Klaus Ager, in Taipeh bravourös meisterte und auch beim Festival auf dem Programm steht.

The Lost Ones ist eine hybride Konzertperformance, aus Klang – Bewegung – Video bestehend.

Grundlage ist ein relativ kurzer Prosatext des irischen Ausnahmeschriftstellers Samuel Beckett (1906-1989), den er im Jahr 1970 in seiner französischen Wahlheimat schrieb: „Le dépeupleur“, (dt. „Der Verwaiser“; engl. „The Lost Ones“). 

Beckett erschafft mit mathematischer und geometrischer Genauigkeit einen vollständig geschlossenen Mikrokosmos, einen „dystopischen zylindrischen Gesellschaftsraum“, den er mit einer Menge gefangener Wesen bevölkert. Er erschuf gleichzeitig mit dem Raum ein gesellschaftliches System, bestehend aus Hierarchien, Codes, Gesetzen und Regeln.

Die existentialistische und durchaus rätselhafte Geschichte stammt aus einer Zeit, in der Beckett die Architekturtheorien von Mies van der Rohe und Adolf Loos umsetzte, die sagten, „Ornament ist ein Verbrechen“[4]. Die spezielle Prosa dieser Kurzerzählung ist weitgehend auf die innere Landschaft des Geistes an das Unterbewusste fixiert, ein Raum voller dunkler Worte, aber nicht frei von Wut und Witz, Humor oder Freude. 

Samuel Beckett gab gerne seine Erlaubnis zur Weiterverarbeitung als Bühnenstück,[5] zur Komposition[6] oder Kunstinstallation[7].

Wie sich der virtuelle Bildraum und der zylindrische Klangraum bei NAMES – New Art and Music Ensemble Salzburg entwickelt, bleibt bis zur Aufführung höchst spannend. An der Seite des Ensembles ist die slowenisch-österreichische Künstlerin Maja Osojnik am Werk beteiligt – ein kreativer Freigeist –, der mit dystopisch und futuristisch klingenden und experimentellen sowie frei improvisierten Sounds Erfahrungen hat.

Die zu Beginn des Beitrags erwähnten „Moving Pictures“ folgen diesjährig dem erneuten Wunsch des Intendanten des aspekteFESTIVAL, einen historischen Stummfilm mit zeitgenössischer Musik zu paaren. Dem Die Stadt ohne Juden (Österreich, 1924) von Regisseur Hans Karl Breslauer ist die Komposition[8] aus dem Jahr 2017 von Olga Neuwirth zur Seite gestellt, aufgeführt vom Ensemble des in Wien ansässigen Vereins PHACE.

Obwohl 1924 gedreht, ist die Verbildlichung von Hugo Bettauers gleichnamigen Romans (1922), immer noch zeitaktuell. Nicht umsonst untertitelte Bettauer sein Werk als „Roman von übermorgen“ und fokussiert konsequent die Vertreibung von Juden aus einer vermeintlich imaginären Stadt und die Konsequenzen.
Olga Neuwirth hat für den 2018 vollständig restaurierten Film – und nun in ganzer Länge von 100 Minuten – eine neue Komposition geschaffen: „grell und wütend, hintergründig und humorvoll, aber auch schonungslos und ehrlich“, wie es im Programm heißt. Das Motto müsste richtiger Weise, und wie anfangs erwähnt, lauten: Lasst uns neu denken!

Der Inhalt und die musikalische Interpretation des Stummfilms zeigen wie abstrus die Menschen mit einander umgehen, wohin sich beispielhaft Ängste, Neid und Missgunst entladen.

Eine „Stadt ohne Musik“ wäre in gleicher Weise absurd, erhalten wir doch demnächst im März so viele neue Aspekte aus ihr, dass wir damit die ganze Altstadt Salzburgs füllen können!

Hamburg, 14.1.2020
Autor: Prof. Claus Friede (Hamburg/Riga)


[1] lat. aspectus (dt.: Anblick, Ansicht)

[2] Vgl.: WOOD, Robert: An essay on the original genius of Homer, London 1769 (dt.: Versuch über das Originalgenie des Homers, Frankfurt/M. 1773, S. 304)

[3] PETERS, Arno: Synchronoptische Weltgeschichte. 2 Bände, Frankfurt/M. 2000

[4] Vgl.: GONTARSKI, S.E.: Introduction to The Complete Short Prose, 1929-1989. Grove Press, NY. 1995. p. xv.

[5] Vgl.: REAVEY, Jean: The Lost Ones (1975 aufgeführt vom Mabou Mines Theater-Kollektiv in New York)

[6] Komposition von Philip Glass (1975).

[7] Im Jahr 2008 schufen Sarah Kenderdine und Jeffrey Shaw eine Kunstinstallation basierend auf The Lost Ones, die sie Unmakeablelove nannten. Sie verwendeten Motion-Capture-Technologie, um die Charaktere in der Kurzgeschichte zu animieren. Gezeigt wurde diese in Le Havre, Schanghai und Hongkong.

[8] Ein Kompositionsauftrag (2017) vom Wiener Konzerthaus, Elbphilharmonie Hamburg, Ensemble Intercontemporain, Barbican Centre und dem Sinfonieorchester Basel. 

About the Author

Seit 30 Jahren arbeitet Prof. Claus Friede als Kurator von internationalen Ausstellungen und als Autor von Beiträgen für Kunstkataloge, Bücher, Feuilletons und Blogs. Prof. Friede berät in Fragen der zeitgenössischen Kunst, Fotografie, Video und Neue Medien, lehrt an der Lettischen Kulturakademie (Latvijas Kulturas Akademija) in Riga „Digitale Kommunikation und Kulturwirtschaft„ und entwickelt mit seinen Netzwerkpartnern Kulturkonzepte. Finden Sie hier seine Website: https://www.cfca.de/index.htm

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