WIE HÖRT SICH DIE WELT AN? Das aspekteFESTIVAL Salzburg 2024

WIE HÖRT SICH DIE WELT AN? Das aspekteFESTIVAL Salzburg 2024

Der Begriff „Aspekte“ im Sinne von Blickwinkel, Betrachtungsweise und Gesichtspunkt steht in diesem Jahr erneut, erweitert und scheinbar unverbraucht interpretiert im Zentrum des „aspekteFESTIVAL Salzburg 2024“. Zu verdanken ist das dem Intendanten Ludwig Nussbichler. Er widmet sich heuer explizit Kompositionen und Aufführungen, die die Vokalmusik in einem besonderen Maß fokussieren und lädt zu einer faszinierenden und ambivalenten Reise ein. „Wie hört sich die Welt an?“, schwebt hier als umfassende Frage über dem Festival.

Das erste, das wir im Mutterleib wahrnehmen, ist der Herzrhythmus der Mutter, später treten Stimmen und Klänge hinzu, Musik und Geräusche, die von außen an das sich ausbildende Organ Ohr herangeführt werden. Nussbichler spricht bildlich von einer „Wahrnehmungshöhle, in der sich Orientierung und Stimmungen bilden“[1]. Daher ist das Wort „Stimmen“ – sein prägnant-kurzer Festivaluntertitel – umfassend, „denn die Stimme tröstet, verzaubert, verführt, ist Vermittlerin von Freude und Trauer, sie spricht, singt, schreit und flüstert, sie begeistert, irritiert und berührt.“ Darüber hinaus ist die Mehrdeutigkeit von „Stimmen“ gewollt, neben den menschlichen Stimmen ist auch das Stimmen gemeint, um Stimmungen erzeugen zu können.

Eine Stimme, so weiß man seit den Aufzeichnungen Michael Scotus (1180-1235)[2] und spätestens seit den Forschungen des deutschen Arztes Günther Habermann, ist ein „Spiegel der Persönlichkeit“[3]. Selbst einfache Äußerungen erlauben Vorstellungen über die Persönlichkeit einer Sprecherin oder Sängerin/eines Sprechers oder Sängers. Damit kreiert sich eine persönliche Wirklichkeit der Wahrnehmung.

„Alles was wirkt“, so der Grundgedanke des neoplatonischen Dominikaners und Gelehrten Meister Eckhart (Eckhart von Hohenstein, um 1260–um 1328), der den Begriff Wirklichkeit in die (mittelhoch-)deutsche Sprache einführte, als er nach einer adäquaten Übersetzung einer Kombination der lateinischen Worte „realitas“ und „actualitas“ suchte. Die passive Realität und das aktive Aktuelle verknüpfen sich hier mit Wirkung. Im heutigen Gebrauch steht Wirklichkeit auch als verstärkendes Adjektiv von Wahrheit.

Mit der Frage, wie sich die Welt anhöre und resultierend aus der Wirkung, ist der Intendant dicht an Platons Höhlengleichnis[4] und dem Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion. Die sich ständig verändernde individuelle Erfahrung, das Lernen, Vergleichen und Wissen sorgt dafür, dass wir uns ebenfalls ständig verändern und die uns umgebende Welt neu entdecken und deuten können. Das ambivalente Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion ist gerade in der Musik[5] von qualitativer Bedeutung.

Denn im Gegensatz zur absoluten Musik[6] konzentriert sich das diesjährige aspekteFESTIVAL Salzburg auf die relationale Musik[7]. Inwieweit sich neue Strategien der Semantisierung, Theatralisierung, Visualisierung und Sonifizierung ergeben, werden die Konzertaufführungen in Salzburg zeigen. Man kann sich jedoch auf die relationale Musik freuen, denn sie beinhaltet Kompositionen, in denen die Stücke an Texte und Sprache, an Erzählung und Fiktion, an Mimik und Gestik, an bewegte und unbewegte Bilder, an Programme und Konzepte sowie an eindeutig identifizierbare Umwelt- und Naturgeräusche gekoppelt werden. Das Festival entwickelt konsequenterweise aus der eben geführten Herleitung so etwas wie Persönlichkeit, die nicht nur ein musikalischer, sondern auch ein gesellschaftlicher Spiegel unserer Zeit ist. Dies zieht sich heuer wie ein roter Faden durch die elf Festivalkonzerte und Aufführungen.

„FACE Dia.De“, das über einstündige Stück des Eröffnungskonzerts, das der italienische Komponist und Helmut Lachenmann-Schüler Pierluigi Billone für zwei Stimmen und acht Instrumente kreierte, ist ein textloses. Es ist aufgebaut wie ein Insel-Hopping durch ein musikalisches Meer, wobei die Inseln von recht unterschiedlicher Größe sind. Die Zwischenräume gleichen einer ruhigen Reise im Stillen Ozean. „Zurückgeworfen auf ihren Ursprung, ihre Leere, findet sich die Stimme in Gesellschaft einer zweiten, im energiegeladenen Zusammenfluss, im Verschmelzen und im Ausloten verschiedenster klanglich-ritueller Konstellationen mit kraftvollen instrumentalen Inseln des Ensembles“, hieß es in der Ankündigung der Uraufführung 2019 im Wiener Konzerthaus. Damals, wie nun in Salzburg, ist PHACE mit von der Partie.

Einer der Höhepunkte wird die Uraufführung der Oper „Stabat Mater Furiosa“ sein, ein Kompositionsauftrag an den ägyptisch-österreichischen Komponisten Hossam Mahmoud (*1965), der seit 1990 in Salzburg lebt und arbeitet. Mikrotonale Tonsysteme werden sicherlich auch bei dem neuen Werk in Verbindung mit westlicher Halbtonmusik gesetzt, dazu virtuose Frauenstimmen.

Schließlich bildet das œsterreichisches ensemble fuer neue musik (œnm) unter der Leitung von Johannes Kalitzke und mit der britischen Sopranistin Juliet Fraser den Abschluss des Festivals. Vier Werke, die zwischen 1999 und 2023 komponiert wurden, zeigen das aktuelle vom Aktuellen. Der 19-jährige Karim Zech, von dem man annehmen möchte, er habe zeitlebens bisher nichts anderes gemacht, als komponieren, ist eines der zukunftsweisenden Talente. Von dem 1959 in Paris geborenen französischen Komponisten Frédéric Durieux wird das 2021/22 entstandene Werk „Theater of Shadows“ für dreizehn Instrumente aufgeführt – eine Hommage an den 2021 verstorbenen Installationskünstler Christian Boltanski[8] (1944–2021). Die ausdrucksstarken und streng konstruierten Partituren von Frédéric Durieux beziehen sich oft auf literarische Werke der Poesie (Yves Bonnefoy, Emmanuel Hocquard, Paul Celan, Friedrich Hölderlin, Ayukawa Nobuo und Philippe Beck) oder des Dramas (Howard Barker, Samuel Beckett). Auch – wie in diesem Fall – inspirieren Werke der plastischen Kunst seine Arbeit, insbesondere die von Barnett Newman, Cy Twombly und eben Christian Boltanski. Johannes Maria Staud führte in dem „Lied vom Verschwinden“, einer Vorstudie zu seiner Oper nach Edgar Allan Poe, erstmals „eine elektronisch generierte Klangebene mit einer vokal-instrumentalen zusammen“ – als „gegenseitige Bereicherung“. Beat Furrers „Aria“ gilt als eines seiner zentralen Stücke für Stimme, die neben der Flöte, seine meistverwendete Klangfarbe ist. Durch die verflochtenen Spuren scheint „etwas Starres, etwas Totes im Hintergrund, das allmählich durch Perspektivenwechsel zum Leben erweckt wird“, heißt es im aspekte-Programm.

Überhaupt sind die Kompositionen, die an diesem Festival aufgeführt werden, geprägt von Kreativität und Einfallsreichtum. Sie erkunden die menschliche Stimme als Instrument und schaffen damit Klanglandschaften, die so facettenreich sind wie das Leben selbst. Von sanften und zarten melodischen Linien und Punkten bis hin zu kraftvollen, imitierenden und expressiven Klängen – die Möglichkeiten, die die menschliche Stimme bietet, scheinen endlos zu sein. Die Stimme oszilliert zwischen Wirklichkeit und Illusion, denn auch die Imitation ist eine eigene Wirklichkeit, Realität und Wahrheit und gleichzeitig eine Illusion, Imagination und Utopie. Die Kompositionen bringen nicht nur die Klangvielfalt der menschlichen Stimme zum Ausdruck, sondern erzählen auch Geschichten. Jedes Werk enthüllt eine einzigartige Erzählung, die in den Herzen und Köpfen der Zuhörer widerhallt.

Die Musiker*innen, die an diesem Festival teilnehmen, sind Meister*innen ihres Fachs. Sie beherrschen nicht nur die Technik des Gesangs, sondern auch die Kunst des Ausdrucks. Ihre Stimmen verschmelzen harmonisch miteinander oder konterkarieren sich und erschaffen eine beeindruckende Klangkulisse, die das Publikum in Staunen versetzen wird.

Ein weiterer faszinierender Aspekt dieses Festivals ist die Verwendung modernster Technologie. Auch mit Hilfe von elektronischen Effekten und Klangverstärkern wird die menschliche Stimme transformiert und eröffnet neue klangliche Möglichkeiten. Diese Verschmelzung von Gesang, Technologie und Kreativität eröffnet den Zuhörer*innen eine ganz neue Hörerfahrung.

Insgesamt ist das „Festival der menschlichen Stimme“ eine Hommage an die künstlerische Schaffenskraft, an Gestaltungsräume und ein inspirierendes Erlebnis zwischen Vokal- und Instrumentalmusik in unserer Wirklichkeit. Genauso könnte auch die Welt klingen.

Prof. Claus Friede
(Hochschule für Musik und Theater, Hamburg / Institut für Kultur und Medienmanagement)

[1] Zitat aus einen am 19.1.2024 geführten Gespräch.

[2] Vgl.: Scotus:, Michael: Handbuch zur Physiognomik, 1228. Darin gab es konkrete Schlüsse von Stimme auf Persönlichkeit. Kommentierung: Christiane Kiese-Himmel: Körperinstrument Stimme. Grundlage, psychologische Bedeutung, Störung. Springer, 2016

[3] Habermann, Günther: Stimme und Mensch. Beobachtungen und Betrachtungen, Median-Verlag, 1996

[4] Das Höhlengleichnis aus dem 5. Jhd. v. Chr. ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. Es stammt von dem griechischen Philosophen Platon, der es am Anfang des siebten Buches seines Dialogs Politeía von seinem Lehrer Sokrates erzählen lässt. Im Höhlengleichnis wird nach der Wirklichkeit von Dingen durch bestimmte Gegebenheiten gefragt.

[5] Das schließt die anderen Genres wie Kunst, Film, Literatur etc. keineswegs aus.

[6] Aus dem musikhistorischen Kontext heraus betrachtet, ist der österreichische Musikästhetiker und -kritiker Eduard Hanslick der bekannteste Verfechter der absoluten Musik. Er begründete die Bezeichnung 1854 in seiner Schrift „Vom Musikalisch Schönen“. Sie steht für die Musikästhetik Mitte des 19. Jahrhunderts. Für die Verfechter der absoluten Musik galt, dass die „von Sprache und Szene unabhängige Musik die eigentliche Musik sei.“ Absolute Musik ist demnach reine Instrumentalmusik, die aus ihrer Form und Technik wirkt und dabei weder einem außermusikalischen Inhalt folgt noch einen solchen umsetzt. Quelle: Dorothee Natorp; „Wirklichkeit oder Illusion? Der Unterschied der absoluten zur relationalen Musik“, Hamburg 2023

[7] Der noch recht junge Begriff wurde vom deutschen Philosoph Harry Lehmann in seinem gerade erschienenen Werk „Musik und Wirklichkeit“ (2023) eingeführt und geprägt und bezeichnet damit Musik „die sich unabhängig von den bisherigen klanglichen Standards der Neuen Musik (atonal & auf klassischen Instrumenten gespielt) bewegt.“

[8] In Boltanskis Werk ging es immer wieder um die Verfälschung der Erinnerung und die Fragilität unserer Lebensentwürfe; Zeit, Vergänglichkeit und Tod waren seine großen Themen.