Alexandra Karastoyanova-Hermentin

Alexandra Karastoyanova-Hermentin © GH

Biografie

Die österreichische Komponistin und Pianistin Alexandra Karastoyanova-Hermentin stammt aus einer Musikerfamilie und lebt in Wien. Ihr Orchesterwerk Tarsis wurde für den renommierten Schweizer Kompositionswettbewerb Rychenberg Competition nominiert und vom Musikkollegium Winterthur unter Pierre-Alain Monot eingespielt.
Der amerikanischer Geiger David Bowlin war der Solist in ihrem Violinkonzert Mahagony, das in der New YorkerCarnegie Hall 2007 mit dem Bulgarian Virtuosi Chamber Orchestra unter Stefan Linev uraufgeführt wurde. Entstanden ist das Werk 2006 als Norton Stevens Stipendiatin in der MacDowell Colony/USA. 2009 wurde Kastena durch Katinka Kleijn am Art Institute Chicago des Chicago Symphony Orchestra aufgeführt. Im Auftrag der Salzburger Landesregierung komponierte sie für das Mozartjahr 2006 das Orchesterwerk Annäherung, das in der VIVA!Mozart Ausstellung in Salzburg präsentiert wurde.
Ihre Werke sind in renommierten Sälen und Konzertreihen zu hören, wie etwa im MusikvereinWien, Wiener Konzerthaus, Stiftung Mozarteum Salzburg, Villa Massimo Rom, Flagey Brussel.
Karastoyanova-Hermentin arbeitet mit namhaften Orchestern und Ensembles zusammen, wie etwa mit dem Mozarteum Orchester Salzburg, dem RSO Wien, dem Vorarlberger Symphonieorchester, Ensemble PHACE, œnm Salzburg, Nouvelle Cuisine Big Band.

Zu Interpret:innen ihrer Musik zählen Dirigent:innen wie Johannes Kalitzke, David Fulmer, Alexander Drcar, Oswald Sallaberger, Pierre-Alain Monot, Kasper De Roo, René Staar, Christian Knapp, Nacho de Paz, Lars Mlekusch, Gottfried Rabl, Christoph Cech, Simeon Pironkoff, Edo Micic, Berislav Sipus, Peter Burwik oder Bruno Strobl.
Solist:innen: u.a. Artem Nyzhnyk, Alexander Janiczek, Peter Sigl, Per Rundberg, Dimo Dimov, Melissa Reardon, Arne Kircher, Joanna Lewis, Nadejda Tzanova. Sie erhielt Kompositionsaufträge, u.a. vom Wiener Konzerthaus, Ernst von Siemens Musikstiftung,aspekteFESTIVAL Salzburg, WDR, Österreichischer Rundfunk und PHACE.

Zuletzt erhielt sie 2024 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg und 2022 das einjährige Arbeitsstipendium für Komposition der Stadt Wien.

www.alexandrakarastoyanovahermentin.at

Werkbeschreibung

Breah für Orchester, Auftragswerk der aspekteSALZBURG, gefördert von SKE und Stadt Wien (2025/26, UA)

Eine tiefe innere Intensität prägt das Werk: eruptive Ausbrüche und Stille als gegensätzliche Pole behauptend und den Orchesterraum in seiner gesamten Weite erfassend. In einer durchsichtigen Stille bildet eine fallende Sekunden-Figuration in hoher Lage den Fakturkern der Einleitung. Wie Echos lösen sich diese Gesten in Flageoletts auf und tasten vorsichtig den Raum ab, bis sie schließlich die Tiefe und die Höhe ausloten. Ein unbändiges Drängen, zäh und bitter wie Breah, führt schließlich in eine herbe Faktur von physischer Härte, bevor sich das Material in der Weite des Raumes verliert und in statische Resonanz übergeht.

Ein intensives Violinsolo mit einem Hauch von Unruhe am Beginn des zweiten Teils führt in eine Verdichtung, chromatische Wendungen entwickeln eine das gesamte Orchester erfassende Bewegung, während Triolen-Schichten kontinuierlich die Höhe durchschreiten.

Alles mündet in eine Pulsation mit unabhängigen Senza-misura-Strukturen mit wiederholenden Segmenten, ein unbändiges, rasantes Drängen entfaltet sich in immer neuen Konstellationen, unterlegt von einem Fußstampfen bis zum Ende dieses Abschnitts.

Daraus erwächst der introvertierte langsame dritte Teil, in dem die Zeit in einer liegenden Pulsation aus zersplitterten Dur-Moll-Sextakkorden der Violen und Celli verharrt. Über dieser chromatisch herabsinkenden Stille entfaltet sich ein feingliedriges Gewebe aus Schichten, durch die das Thema der Solovioline von Instrument zu Instrument wandert.

Das lyrische Zentrum (vierter Teil) gleicht einem „inneren Gebet“. Über unruhigen Triolen entfaltet die erste Solovioline eine Melodie aus zerlegter Akkordik, verwoben mit einer flageoletthaften, weinenden Viola-Stimme (Lacrimae). In einer Hommage an Sofia Gubaidulina nutzt die Harmonik konsonante, parallele Strukturen und Material aus ihrem Viola Concerto, teils als Zitat, teils in freierer Adaption, was Assoziationen an einen orthodoxen Choral weckt. Ein hölzernes Pochen im col legno führt den Puls in fast asketischer Einfachheit fort, kurze Quarten-Einwürfe der hohen Violinen als kontrastierende Repliken entfaltend.

Den Abschluss bildet eine Reminiszenz an mein Werk Galechri, wie unter einer Lupe verlangsamt. (Alexandra Karastoyanova-Hermentin)

 

Lintarys für Klavier solo (2012)

Lintarys ist geprägt durch höchste Intensität, die den instrumentalen Raum als ein Feld permanenter Spannungszustände aufspannt. Das ursprünglich für den Rosario Marciano Wettbewerb geschriebene Pflichtstück fordert von den Interpret:innen eine große technische Bandbreite zwischen Virtuosität und feinster klanglicher Nuancierung. Das Stück entfaltet sich in einer Reihe von impulsiven Wellen und drängt impulsiv nach vorne, beginnend mit kurzen, durch Pausen jäh unterbrochenen, kleinteiligen Segmenten. In nervöser Bewegung erobert die Musik schrittweise höhere Lagen, wobei die Repetitionen und Dreier-Figuren immer drängender bis in das höchste Register ausbrechen, nur um im Fortissimo mit voller Wucht in die Tiefe zurückgeschleudert zu werden. Im Zentrum des Werkes vollzieht sich ein kontrastreicher klanglicher Wechsel durch eine gezielte Präparation: Da die zwei auf die Saiten gelegten Bleistifte nicht das gesamte Register abdecken, treffen die Repetitionen teils auf präparierte, teils auf unpräparierte Töne. Wegen der dynamischen Dominanz des metallischen Klangs erfordert dies eine ständige Kontrolle der klanglichen Balance. Über einer schwebenden, modalen Harmonik aus fallenden Quarten-Zentren (von f-b über e-b/d-as bis h-fis) entfaltet die rechte Hand chromatische Melodieformeln. Die durch 1/32-Pausen zerklüftete Struktur erzeugt ein „nervöses Dolce“ – eine Musik, die trotz ihrer geringen Lautstärke unter extremer innerer Hochspannung steht. Es wirkt fast wie ein Sprechen, das ständig durch kleine Pausen unterbrochen wird, als müsste das Gesagte erst mühsam seinen Weg finden. Der als „aggressiv“ bezeichnete Schlussteil kehrt mit Impulsen im Bassregister zurück; Fortissimo-Ausbrüche und wechselnde modale Zentren führen in eine Beruhigung durch den Pulsschlag der Sekundencluster am Ende dieses Teils. Das Werk schließt mit durchsichtigen, zwei parallelen großen Terzen, die sich über drei Oktaven nach oben bewegen – eine fragende Geste, die durch ein notiertes (mental zu vollziehendes) Crescendo über den physischen Ausklang des Instruments hinausweist. (Alexandra Karastoyanova-Hermentin)