Eine Reise durch Wirkungs- und Lebensbereiche – im Puls der Stadt

Das aspekteFestival war und ist kein Festival für das Alter. Weder, dass bereits verstorbene oder betagte Komponist:innen im Mittelpunkt der Aufführungspraxis stünden, noch dass das Publikum im Alter deutlich über 50 Jahre alt liege.

Eine Studie[1] der Universität Limoges aus dem Jahr 2020 gibt für Frankreich und die Schweiz das Durchschnittsalter von Konzert- und Opernbesucher:innen mit ca. 61 Jahren an. Für Österreich und Deutschland gibt es vergleichbare Ergebnisse. Langfristig ist jedoch spätestens ab 2030 ein Strukturwandel zu erwarten, da jüngere Generationen eine andere musikalische Sozialisierung erfahren haben. Neuere Berichte (2022/2024) zeigen also, dass Menschen unter 35 Jahren vermehrt klassische Musik hören, was die Hoffnung auf ein diverseres Publikum erhellt.

Jedoch ist das junge Publikum eher städtisch[2].

Die überwiegende Mehrheit der auf dem Festival 2026 vertretenen Komponist:innen sind Zeitgenoss:innen. So auch die junge kroatische Tonkünstlerin Sara Glojnarić, 1991 in Zagreb geboren und heute in Leipzig lebend.

Unkonventionell, spielerisch und direkt

Wie viel Humor, wie viel Ironie, wie viel Pop kann in der „ernsten Musik“ liegen? Was hält sie aus?

Unkonventionell, spielerisch, zitierend und den Schaffensprozess aufzeigend – das sind die Zutaten eines von zwei Werken von Glojnarić, die bei den aspekten erlebbar sind.

Everything, Always für Streichorchester und Tonband, vom Münchener Kammerorchester unter der Leitung des niederländischen Dirigenten und Geigers Bas Wiegers[3] im November 2022 uraufgeführt, wird eines der Werke im Eröffnungskonzert[4] sein.

Im Jahr 2024 erhielt Glojnarić für dieses Stück den 69. Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart (Baden-Württemberg).

Das kürzer als eine Viertelstunde dauernde Stück wird – neben den Streichern – von der Voice-Over-Stimme der Komponistin dominiert, die vom Band und aus dem Off stammt. Eine Kombination aus Monologen mit sich selbst und Dialogangelegten mit dem Orchester und dem Publikum in englischer und deutscher Sprache. Unterschiedliche Zeitachsen und Realitäten gehen in ihrem Prozess Hand in Hand.

„Meine Stimme kommentiert das Stück, während es in Echtzeit komponiert wird, und gibt dem Ensemble konkreten musikalischen Input, wodurch eine Gegenüberstellung von Arbeitsprozessen und der direkten Interaktion mit den Musiker:innen auf der Bühne entsteht“, sagt die Komponistin: „Es ist eine kuratierte Zusammenstellung aus Live-Kommentar, Analyse kompositorischer Problematik und der Auseinandersetzung mit einer ironischen, geskripteten Version von mir selbst.“

Netflix und Karaoke

Die Komponistin beginnt das Stück akustisch, textlich und sprachlich, mit Tippgeräuschen und dann: „Soll ich überhaupt zu diesem Voice-Over greifen?“ Ist es viel zu Netflixhaft? Egal, ich werde es herausfinden – okay, das Stück muss also irgendwie anfangen. Vielleicht wäre es gut, mit einem Akkord zu beginnen, etwas Sanftes, nichts zu Wildes … ähm … und dann mit einem massiven Crescendo am Ende.“

Unkonventionell ist es, weil sie keine Scheu hat, vermeintliche Konventionen zu konterkarieren und unerwartete Elemente einzubringen, indem sie gesampelte Popmusik, Alltagsformen sowie elektronische „Scripted Reality“[5] per Laptop einsetzt. Insofern machen auch ihre kurzen Zitate und Upcyclings[6] der fünf weltweit beliebtesten Karaoke-Stücke Sinn und hinterlassen nicht nur Ohrwürmer, sondern bilden auch ein erinnerungskulturelles, gemeinschaftlich verbindendes Substrat. Ihre unbeschwerte Art wirkt urban und konstruktiv, jedoch manchmal etwas distanziert, stellenweise sachlich und oft fragmentarisch.

Mich interessiert, ob es möglich ist, eine Brücke zu bauen zwischen der Macht, die Popmusik hat, der Direktheit der darstellenden Kunst und der Ästhetik und Qualität der Neuen Musik.

Sara Glojnarić, 2022

Mythos oder experimenteller Podcast?

Auch beim Kopfhörer-Konzert mit dem Kuss Quartett und dem Werk Songs for the End of the World für Streichquartett, Stimme, DigitAize-Sensoren und drahtlose Kopfhörer (2025)[7] geht es um eine „geskriptete“ musikalische Wirklichkeitsform.

Die Realität kennt nur eine Wahrheit, die Wirklichkeit jedoch viele Wahrheiten. Im Gegensatz zur Realität definiert die Wirklichkeit aktuelle und eigene Interpretationsräume, die es zu füllen gilt, denn diese zielen auf eine Wirkung ab, die bekanntlich nicht für alle gleich ist.

Das Ende der Welt ist das Ende eines berühmten Schiffs, das 1912 auf seiner Jungfernfahrt nach dem Rammen eines Eisbergs auf den Meeresgrund des Nordatlantiks versank. Mit ihm gingen über 1.500 Passagiere und Besatzungsmitglieder unter – 68 % der Menschen an Bord.

Ein experimenteller Podcast, ein musikalisches Stück mit Verzerrungen oder die Erzählung eines Mythos? Um was handelt es sich?

Auch bei Songs for the End of the World trägt der Begriff des Unkonventionellen, aber Bekannten, im kompositorischen Verfahren. Glojnarić nimmt Dinge aus dem täglichen Gebrauch und Umgang, modifiziert sie oder lässt sie zumindest als Technik, als Form und als Medium unverändert.

Hinter der Erzählung der Geschehnisse, den Zitaten von Überlebenden, den „Unsinkables“, den Vermutungen und den Schnipseln steht die Frage, welche Musik die Kapelle der Titanic während des dramatischen Untergangs spielte. Stimmt es überhaupt, dass bis zum letzten Moment musiziert wurde? Und welche Art von Musik würde der Situation gerecht werden? Mit welchem Klang, wenn das pulsierende Herz noch vor Aufregung und Todesangst höher schlägt, bevor es erfriert, ging es dem Ende entgegen?

Während wir ruderten, befanden wir uns die ganze Zeit über auf der Steuerbordseite des sinkenden Schiffes. Zu diesem Zeitpunkt waren die E- und C-Decks bereits vollständig unter Wasser, und die Musikklänge wurden immer leiser, als würden sich die Instrumente mit Wasser füllen…
Die Frauenrechtsaktivistin und Titanic-Überlebende Margaret Brown (1868–1932) über ihre Erfahrungen im Rettungsboot Nr. 6[8]

„Das Stück spielt mit musikalischen sowie popkulturellen Verarbeitungsstrategien der Titanic-Tragödie und changiert dabei zwischen Desaster-Mash-up[9] und vergessenen Stimmen, Tischgesprächen, Interviews und musikalischen Ritualen, Klängen untergehender Instrumente, der Hymne Nearer my god to thee und Céline Dion“, heißt es auf der Seite der Sommerlichen Musiktagen Hitzacker[10].

Nicht das Ende der Welt

Die Instrumente des Kuss Quartetts sind mit DigitAize-Sensoren ausgestattet, die den Klangraum sowohl digital als auch analog erweitern. Mal triggern sie durch das Spielen Klanglandschaften, mal wird der Klang durch die Stimme oder die Bewegung der Instrumente gestaltet und unvermutet verändert.

Der Untergang des Schiffs ist nicht das Ende der Welt – zumindest für die Überlebenden und Nachlebenden –, denn die Geschichte, die Aufarbeitung, die Reise durch Sphären, durch Wirkungs- und Lebensbereiche geht weiter. Zwar ist die Menschheit dabei und auf dem Weg, die Welt zu schrotten, doch immer noch wissen wir nicht, ob und welche Lieder ertönen oder welche wir hören wollen und werden.

In jedem Ende steckt ein neuer Anfang, heißt es in einem Sprichwort, und darin neue Phasen oder Möglichkeiten, oft verbunden mit Hoffnung, Veränderung und der Wiedergeburt.

Wie wird sich dann die Welt anhören?

Prof. Claus Friede (Lehrt an der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg / Institut für Kultur und Medienmanagement)

[1] Stephane Dorin: Une musique qui se meurt? Les institutions musicales face au vieillissement des publics de la musique classique. Zurzeit noch unveröffentlichter Artikel für eine Spezialausgabe «Arts et vieillissement. Les âges de la création, de la médiation et de la réception artistiques» der Revue de l’Institut de Sociologie. doi:10.13140/RG.2.2.23221.29924. Verfügbar auf researchgate.net. (2020).

[2] 40 % des Nicht-Publikums lebt in ländlichen Regionen und war noch nie in einem klassischen Konzert. Die Landbevölkerung hat Potenzial, aber wenig Gelegenheit. Quelle: Helga Trölenberg: Nichtbesucher & -besucherinnen. Das klassische Konzert als Konkurrenz für das Sofa. Hille, 2024

[3] Bas Wiegers ist seit der Saison 2022/23 Associated Conductor des Münchener Kammerorchesters.

[4] aspekte 2 | Eröffnungskonzert, 11.3. um 19 Uhr, Großer Saal des Mozarteums.

[5] Scripted Reality (Drehbuch-Realität) ist ein Fernsehgenre, das fiktive Alltagsgeschichten mit dem Look von Dokumentationen inszeniert, indem Laiendarsteller nach Skript in alltäglichen Situationen agieren, um den Anschein von Echtheit zu erwecken, aber dramaturgisch zugespitzte Konflikte simulieren.

[6] Upcycling bezeichnet die kreative Aufwertung von bestehenden, älteren Produkten zu neuwertigen Dingen.

[7] aspekte 5 | Songs for the End of the World, 12.3. um 21 Uhr in der Szene Salzburg.

[8] Im Original heißt es: “All the time while rowing we were facing the starboard side of the sinking vessel. By that time E & C decks were completely submerged, and the strains of music became fainter, as though the instruments were filling up with water…“.

[9] Ein „Desaster-Mash-up“ bezeichnet oft eine kreative Verschmelzung von Katastrophenszenarien, parodistisch umgesetzt, wie im Musical Disaster! Dieses Genre verbindet 1970er-Jahre-Hits mit humorvoll überspitzten Katastrophenfilmelementen.

[10] Die Programmgestaltung der Sommerlichen Musiktage (gegründet 1946) in Hitzacker an der Elbe (Niedersachsen) wird von Oliver Wille, Violinist und Kammermusiker mitverantwortet. Wille ist u.a. Mitbegründer des Kuss Quartetts.