Claude Vivier

Biografie

Vielen gilt Claude Vivier als der größte Komponist, den Kanada je hervorgebracht hat. Als Vivier im Alter von 34 Jahren einem schockierenden Mord zum Opfer fiel, hinterließ er etwa 49 Kompositionen unterschiedlichster Gattungen, von Oper und Orchesterwerken bis zu kammermusikalischen Werken. György Ligeti nannte ihn den „herausragenden französischen Komponisten seiner Generation“.

Der in Montréal als Sohn unbekannter Eltern geborene Vivier wurde mit drei Jahren adoptiert. Nachdem er sechzehnjährig von einem Seminar wegen „unreifen Benehmens“ verwiesen wurde – aus seiner Homosexualität machte er nie ein Geheimnis –, begann er sein Studium am Conservatoire de Musique in Montréal. Zu seinen Lehrern zählten Gilles Tremblay (Komposition) und Irving Heller (Klavier). Im Jahr 1971 ging Vivier nach Europa, wo er bei Gottfried Michael Koenig in Utrecht elektroakustische Musik und bei Karlheinz Stockhausen in Köln Komposition studierte. Trotz des Einflusses, den Stockhausen auf ihn ausübte, entwickelte Vivier seinen eigenen, sehr persönlichen Stil. Chants, das während dieser Zeit entstand, bedeutete für ihn „den ersten Moment meiner Existenz als Komponist“.

Im Herbst 1976 unternahm Vivier eine lange Asienreise. Ein Besuch auf Bali veranlaßte ihn, seine Vorstellungen von der Rolle des Künstlers in der Gesellschaft zu überdenken, womit eine neue Periode in seiner stilistischen Entwicklung begann. Unter dem Eindruck der Reise entstanden Shiraz für Klavier, Orion für Orchester und seine Oper Kopernikus. Viviers einzigartiger Stil jedoch bildete sich vor allem in seinem Zyklus von Stücken für Stimme und Ensemble heraus, insbesondere in Lonely Child und Prologue pour un Marco Polo.

In einem Porträt in der New York Times schrieb Paul Griffiths: „Die harmonische Aura ist plötzlich viel komplexer, und die fantastische Instrumentierung ist anders als alles, was Vivier zuvor geschrieben hatte – oder als das, was andere vor ihm geschrieben haben. Vielleicht ist er beim genauen Zuhören von Glocken und Gongs darauf gestoßen, denn die gewichtigen Akkorde, die neben der Stimme einher- oder um sie herummarschieren, haben im Allgemeinen tiefe Grundtöne, gestört von einem Zischen höherer Töne, ähnlich metallischer Resonanzen.“ Während dieser Zeit begann Vivier, Texte in einer erfundenen Sprache zu schreiben, die die Einzigartikeit seiner musikalischen Sprache widerspiegelten.

Seine letzten Lebensmonate verbrachte Vivier in Paris. Am 12. März 1983 fand man ihn erstochen in seiner Wohnung auf. Sein Mörder, ein 19jähriger, mit dem sich möglicherweise eine Beziehung anbahnte, wurde später gefaßt und verurteilt.

Für Viviers Musik haben sich unter anderem Mauricio Kagel, Kent Nagano, Reinbert de Leeuw, David Robertson und Dawn Upshaw eingesetzt. Seine Werke standen im Mittelpunkt des Holland-Festivals 2005, und das St. Louis Symphony Orchestra eröffnete die Saison 2005–06 mit Lonely Child, mit David Robertson als Dirigent und Dawn Upshaw als Sopransolistin. Im Jahr 2005 rief das Montréal Symphony Orchestra den Claude Vivier National Prize für das beste Werk eines kanadischen Komponisten ins Leben.

 

Werkbeschreibung

ZIPANGU

Claude Viviers Zipangu für Streicher von 1980 reflektiert eine Reise des Komponisten nach Japan, Bali und in den Iran, zu der sich Vivier 1976 aufmachte. Sie sollte nicht nur Viviers Schaffen prägen, sondern auch sein Leben – ein Leben, das von Demütigungen und Leid geprägt war. Und von unstillbarer Todes- und zugleich Liebessehnsucht, nach einer geborgenen Stätte. Rückblick auf das Jahr 1948: Vivier wird im kanadischen Montreal als Kind unbekannter Eltern geboren, 1951 wird er adoptiert. Zur Musik fand Vivier in einem Seminar, das er im Alter von sechzehn Jahren besuchte und aus dem er schon zwei Jahre später wegen „unreifen Betragens“ wieder ausgeschlossen wurde. Der Grund: Schon früh verheimlichte Vivier nie seine Homosexualität. Nach Kompositionsstudien bei Gilles Tremblay ging er 1971 nach Europa, wo er in Utrecht bei Gottfried Michael Koenig und später in Köln bei Hans Ulrich Humpert und Karlheinz Stockhausen Komposition studierte. Trotz des Einflusses, den Stockhausen auf ihn ausübte, entwickelte Vivier seinen persönlichen Stil. Chants, das während dieser Zeit entstand, bedeutete für ihn „den ersten Moment meiner Existenz als Komponist“. Und im Herbst 1976 folgte also die große, lange Asienreise: Alle darauffolgenden Werke von Vivier verraten den Einfluss dieser Reise, so eben auch Zipangu. „Zu Zeiten Marco Polos wurde Japan ‚Zipangu’ genannt“, erklärt Vivier. „In diesem Werk experimentiere ich mit verschiedenen Farbkombinationen um eine Melodie und versuche, die harmonischen Strukturen durch verschiedenste Bogentechniken zu verschleiern. Durch übertriebenen Bogendruck erzeugte Geräusche werden reinen Harmonien normaler Technik gegenübergestellt, die Melodie wird so zur Farbe, nach und nach leichter, isoliert und ‚wie gereinigt’ herausgestellt.“ Es sind nicht zuletzt die verschiedenen Spielweisen, die die klangliche Reflexion und Kontrastierung von Fernost und West verraten. Die Streicher selbst sind in zwei Gruppen angeordnet mit sechs Violinen auf der einen Seite und eine Violine, drei Bratschen, zwei Celli und ein Kontrabass auf der anderen. Schon zu Lebzeiten galt Vivier als größter kanadischer Komponist, György Ligeti nannte ihn den „herausragenden französischen Komponisten seiner Generation“. Doch nachdem Vivier 1982 nach Paris übergesiedelt war, wurde er dort am 7. März 1983 ermordet; erst fünf Tage später fand man ihn erstochen in seiner Wohnung. Ein Neunzehnjähriger, mit dem Vivier möglicherweise eine Beziehung eingegangen war, wurde später verurteilt.

Text: Florian Olters