Werkbeschreibung
Tertium Datur für Flöte, Klarinette, Klavier, Violine und Violoncello (2025/26, UA)
In der klassischen Logik besagt der Grundsatz „tertium non datur“, dass es zwischen zwei Gegensätzen keine dritte Möglichkeit gibt. Mein Titel, Tertium Datur („ein Drittes ist gegeben“), behauptet genau das Gegenteil. Die wahre Form dieses Werks liegt nicht in seinen starren Zuständen, sondern in dem fließenden, unentdeckten Raum dazwischen.
Musikalisch spannt sich das Stück zwischen zwei antagonistischen Kräften auf: der harten, rhythmischen Mechanik eines Scherzos und einem leuchtenden Choral, der auf quasi-spektralen, stark melodischen Akkorden basiert. Der Kern der Komposition ist jedoch die Metamorphose dieser Zustände.
Um sie organisch zu verbinden, tritt ein drittes Element in Erscheinung – schnell, flüchtig und harmonisch vieldeutig. Durch mikrochromatische Verschiebungen und eine stetige Aufwärtsbewegung durch alle Register des Quintetts wirkt dieses Laufwerk wie ein aktives Lösungsmittel. Es verwischt die strukturellen Nahtstellen. Klavier und Streicher verlieren allmählich ihren festen, rhythmischen Boden und lösen sich in den aufsteigenden, flüchtigen Linien von Flöte und Klarinette auf.
Tertium Datur ist keine bloße Gegenüberstellung von Kontrasten. Es besteht aus übereinanderliegenden Schichten, die verschwimmen, sich dehnen und schließlich ineinander übergehen. Die Musik schreitet voran, indem sie entgleitet, und beweist, dass der „dritte Weg“ genau diese stetige, unfassbare Flucht nach oben ist. (Egemen Kurt)