Iannis Xenakis

Iannis Xenakis @ Von The Friends of Xenakis

Biografie

Iannis Xenakis, eine der führenden Gestalten der modernen Musik, hat viele Komponisten beeinflusst, insbesondere in den späten 50er- und den 60er-Jahren, als er mit Kompositionstechniken experimentierte, die bald zum Grundrepertoire der Avantgarde des 20. Jahrhunderts gehörten.

Xenakis wurde am 29. Mai 1922 als Sohn griechischer Eltern geboren, allerdings nicht in Griechenland, sondern im rumänischen Braïla. Zunächst ließ er sich in Athen zum Bauingenieur ausbilden. 1947, nach drei Jahren Kampf im griechischen Widerstand gegen die Nazi-Okkupation, während der er schwere Verletzungen erlitt (er verlor die Sehkraft auf einem Auge), entkam er einem Todesurteil und setzte sich nach Frankreich ab, wo er sich niederließ und bald zu einem bedeutenden Teil der dortigen Kulturszene wurde.

Xenakis war zunächst als Architekt tätig und arbeitete mit Le Corbusier an einer Reihe von Projekten zusammen, nicht zuletzt den von ihm selbst gestalteten Philips-Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung 1958. Ebenfalls in den fünfziger Jahren wurden Xenakis’ erste Werke veröffentlicht. 1952 belegte er Kompositionskurse bei Olivier Messiaen, der ihn ermunterte, seine wissenschaftlichen Kenntnisse in die Musik einzubringen.

Der Stil, der daraus entstand, war aus Verfahren der Mathematik, architektonischen Prinzipien und der Spieltheorie abgeleitet und katapultierte Xenakis an die Spitze der Avantgarde-Bewegung – obgleich niemals die Rede von der Zugehörigkeit zu einer Gruppierung war: Er blieb immer auf sich selbst gestellt. Nie etwa verschrieb er sich seriellen Prinzipien, ebenso wenig wie traditionellen Mitteln der Harmonie oder Polyphonie. Stattdessen entwickelte er andere Wege, die dichten Klangmassen, die seine ersten Kompositionen auszeichnen, zu strukturieren. Diese stochastischen oder auch zufälligen Verfahren beruhten auf mathematischen Prinzipien; später realisierte er sie mithilfe von Computern.

Trotz aller formalen Kontrolle in der kompositorischen Technik haben Xenakis’ Werke eine elementare Energie, eine Lebenskraft behalten, die seiner Musik eine geradezu körperliche Wirkung verleihen: Werken wie Bohor für Elektronik (1962), Eonta für Klavier und Bläserquintett (1963-64), Persephassa für sechs Perkussionisten, die um das Publikum herum verteilt sind (1969) und das Ballett Kraanerg für 23 Instrumentalisten und Tonband (1969) eignet eine urtümliche Kraft, die über die Komplexität ihrer Entstehung hinwegzutäuschen scheint. The Sydney Morning Herald sagte etwa über Kraanerg, dass es „atemberaubend kraftvoll und geräuschvoll bleibt, ein Versuch beständig erneuerter Energie, die nicht das geringste Zeichen des Zauderns zeigt“. Vereint mit dieser ursprünglichen Kraft ist die Faszination des Komponisten für Rituale, meist die des alten Griechenland; zu ihrer vollständigsten dramatischen Gestalt gelangen sie in seiner Version der Oresteia (1966).

Text: Mit freundlicher Genehmigung von Boosey & Hawkes

www.iannis-xenakis.org

Werkbeschreibung

Psappha
ist ein virtuoses Stück für Solo-Schlagzeug, zum Hören und zum Sehen! Mit Psappha schuf Xenakis einen alternativen Ansatz zu seriellen und zufälligen Kompositionstechniken, die es ihm ermöglichten, Rhythmus in seiner reinsten Form zu vermitteln. Die Notation ist unkonventionell und fordert die Interpretin, den Interpreten heraus. Psappha ist in 16 Abschnitte unterteilt, die als Etüden mit progressivem Schwierigkeitsgrad präsentiert werden. In diesem Sinn ist das Werk auch nützlich für die Entwicklung einer grundlegenden Schlagzeugtechnik. (Irene Suchy)

Der Titel, Psappha, verweist auf die griechische Dichterin Sappho, die sich in ihren Texten meist selbst «Psapphō» nannte. Xenakis nahm sich den Schreibstil der im 6. Jahrhundert v. u. Z. auf Lesbos geborenen, vor allem für ihre Liebespoesie berühmt gewordenen Dichterin zum formalen Vorbild. In einem Gespräch mit dem ungarischen Autor Bálint András Varga (1941–2019) erzählte er später, dass er sich bei diesem Stück auf seine Studien indischer und afrikanischer Rhythmen bezog und das Stück, nach Persephassa, das zweite einer Folge von Werken war, zu der auch Pléiades und Idmen B zählten, in der er – in Anlehnung an seine Auseinandersetzung mit afrikanischen Rhythmus-Muster, im Speziellen mit indigenen Percussion-Spielern in Senegal – das Problem des «puren Rhythmus» in Angriff genommen hatte. Psappha wurde vom English Bach Festival in Auftrag gegeben und am 2. Mai 1976 im Londoner Round House von Sylvio Gualda (* 1939 in Algerien) uraufgeführt, dem Xenakis das Stück auch persönlich widmete. (Angela Heide)