Sara Glojnarić

Sara Glojnarić © Mateja Vrckovic

Biografie

Sara Glojnarić ist eine kroatische Komponistin (*1991) mit Wohnsitz in Leipzig. In ihrer künstlerischen Praxis setzt sie sich intensiv mit Popkultur auseinander und untersucht deren Ästhetiken, sozialpolitische Implikationen, kollektives Gedächtnis, Nostalgie sowie das komplexe Zusammenspiel kultureller Daten. Ihr Œuvre umfasst zahlreiche Gattungen, darunter Oper, Orchesterwerke, Kammermusik und Videoarbeiten.

Im Laufe ihrer Karriere arbeitete Sara Glojnarić mit renommierten Ensembles und Orchestern zusammen und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Dazu zählen der Ernst von Siemens Förderpreis (2023), der Kompositionspreis der Stadt Stuttgart (2024), der Erste Bank Kompositionspreis in Wien sowie der Kranichsteiner Musikpreis bei den Darmstädter Ferienkursen (2018). Zuletzt erhielt sie den SWR Orchesterpreis für ihr Werk DING, DONG, DARLING!, das 2024 bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wurde, sowie den GEMA Deutschen Musikautor:innenpreis – Nachwuchspreis.

Neben ihrer Tätigkeit als Komponistin ist Sara Glojnarić auch als engagierte Mentorin für Komposition aktiv. Ihre Lehrpraxis legt einen besonderen Schwerpunkt auf den erweiterten kulturellen Kontext von Musik und bezieht Themen wie Kulturtheorie, Übersetzung, Linguistik sowie intersektionale queere und feministische Perspektiven ein. Sie betreute Studierende an verschiedenen europäischen Hochschulen. Ihre Werke erscheinen im Berliner Topus Musikverlag.

www.saraglojnaric.com

Werkbeschreibung

Songs for the end of the world
Kopfhörer-Konzert

„All the time while rowing we were facing the starboard side of the sinking vessel. By that time E & C decks were completely submerged, and the strains of music became fainter, as though the instruments were filling up with water…“ (Margaret Brown über ihre Erlebnisse im Rettungsboot Nr. 6)

Desaster erschüttern und faszinieren zugleich. Sie ziehen uns an und konfrontieren uns mit unserer eigenen Fragilität. In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 kollidiert die RMS-Titanic mit einem Eisberg. Die Band des Ozeandampfers spielte bis zu ihrem Untergang – so die Erzählungen. Alle Musiker sterben. Direkt nach dem Unglück zu Helden stilisiert, führen widersprüchliche Aussagen von Überlebenden zu Spekulationen und bis heute ranken sich Legenden um die Band. Spielten sie wirklich bis zum Ende und was war ihr letztes Lied? Songs for the end of the world ist ein Kopfhörer-Konzert, das in der Form eines experimentellen Podcasts die Faszination für das Titanic-Unglück und den Mythos rund um deren Band zum Ausgang nimmt, um sich mit der Bedeutung von Musik in dunklen Zeiten auseinanderzusetzen.

Was ist Musik für das Überleben oder für das Ende? Das Stück spielt mit musikalischen sowie popkulturellen Verarbeitungsstrategien des Titanic-Desasters und changiert dabei zwischen Desaster-Mash-up und vergessenen Stimmen, Tischgesprächen, Interviews und musikalischen Ritualen, Klängen untergehender Instrumente, der Hymne Nearer my god to thee und Céline Dion. Dafür werden die Instrumente des Quartetts mit digitalen Sensoren ausgestattet, die den Klangraum erweitern. Mal triggern sie durch das Spielen Soundscapes, mal wird der Klang durch die Stimme oder die Bewegung der Instrumente gestaltet und verändert. Songs for the end of the world lädt uns ein, darüber nachzudenken, welche Musik wir in Momenten der Angst und des Ungewissen hören würden und was diese Musik für uns persönlich bedeutet.

Was wäre deine Musik für das Ende? (Sara Glojnarić)

 

Everything, Always

Sara Glojnarić versteht sich als Grenzgängerin der Stile und bezieht in ihren Werken dezidiert Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. So vielfältig sich das Schaffen Glojnarićs stilistisch und ästhetisch gibt, so vielfältig geriert sich auch der Humor in ihrem Werk. In der aktuellen Musik gibt es nur wenige Stimmen, die derart unbeschwert, spielerisch und humorvoll agieren wie Glojnarić. Das gilt auch für Werk Everything, Always für Streichorchester und fixed-media (also vorgefertigten und abgespielten Medien wie Tonband). Mit dem Werk habe sie eine „hybride Form“ schaffen wollen, „zwischen Musiktheater, Scripted Reality und konzertantem Stück“, so Glojnarić. Dabei geht es ihr um einen „uneingeschränkten Blick direkt in die Denkwelt einer Komponistin“, der sich dem Publikum wie auch den Ausübenden eröffnen soll. Alle werden direkt Zeugen der Entstehung des Werks.

Die Stimme Glojnarićs kommt vom Tonband und kommentiert das Stück, während es komponiert wird. Sie gebe, so Glojnarić, dem Ensemble konkreten Input, wodurch eine „interessante Gegenüberstellung von innigen Kompositionsprozessen und der direkten Interaktion mit den Musikern und Musikerinnen in Echtzeit auf der Bühne“ entstünde. Glojnarić spricht von einer „kuratierten Zusammenstellung aus Live-Kommentar, humorvoller Analyse universeller kompositorischer Probleme und der Auseinandersetzung mit einer ironischen, geskripteten Version von sich selbst“. „Das Publikum wird auf eine Reise mitgenommen, die oft sehr komplex, lustig und voller unentdeckter Wege ist.“

Der Dirigent agiert mit einem In-Ear-Clicktrack. Er ist vollständig synchronisiert mit dem Tonband und gibt präzise Signale für Beginn und Ende der in der Partitur angegebenen Probezeichen. Diese Signale steuert Glojnarić bei. Zum technischen Instrumentarium zählen zudem Laptop, Mixer und ein Audio Interface, also eine externe Soundkarte als Schnittstelle zwischen Computer und den Peripheriegeräten.

Das Tonband mit der Stimme Glojnarićs verrät viel über ihren eigenen Schaffensprozess. Mit einem „… Ok …“ und Tippgeräuschen beginnt es. „Soll ich überhaupt zu diesem Voice-Over greifen, ist es viel zu netflixhaft? Egal, ich werde es herausfinden – ok, das Stück muss also irgendwie anfangen. Vielleicht wäre es gut, mit einem Akkord zu beginnen, etwas Sanftes, nichts zu Wildes … ähm … und dann mit einem massiven Crescendo am Ende.“ Es folgt ein Geräusch: „Naja, ok, vielleicht dasselbe mit Elektronik? – Oh ja, ,Dirigent, können Sie den Clicktrack hören?‘“ Laut Partitur soll er den Daumen nach oben halten, für das Publikum sichtbar. „Ok, cool. Es geht weiter.“ Es folgt eine Ansprache. „Guten Abend, liebes Publikum, hier ist Sara aus der Vergangenheit, live aus Kroatien, aus der Wohnung meiner Mutter, wo ich versuche, dieses Stück fertigzustellen … Ich habe die Frist bereits überschritten, ich bin bereits zu spät …“ Bald teilt Glojnarić die „wirklich dumme Idee“, dass alle zusammen die „Top 10 Karaoke-Songs aller Zeiten“ singen. Es folgen Ausschnitte aus Amy Winehouses Valerie, Wonderwall von Oasis, Dancing Queen von Abba, Killing me softly von Fugees und Madonnas Like a Prayer. „Ich bin gespannt, wie viele Leute in den nächsten drei Stunden rausgehen und Dancing Queen singen werden“, sagt die Stimme.

Auch das Münchener Kammerorchester wird direkt angesprochen. „Hey MKO, können Sie bitte eine Frequenz zwischen 4–8 Hz spielen? Das ist anscheinend wirklich gut, um zu entspannen und, äh, etwas zu kreieren, und ich muss wirklich den Programmtext schreiben, weil ich super spät dran bin und mich wirklich konzentrieren muss.“ Selbst Malaika Eschbaumer vom MKO-Konzertmanagement wird direkt angesprochen und eine Mail zitiert. „Liebe Malaika, ich habe gerade die Partitur über WeTransfer geschickt, der Link sollte gleich da sein. Vielen lieben Dank für die Geduld, ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit sehr. Liebe Grüße aus Kroatien, eure Sara.“ Das Stück bricht abrupt ab. Eine derartige Uraufführung hat es in der Geschichte des MKO gewiss noch nicht gegeben. Ganz voraussetzungslos ist das spielerisch-humorvolle, subtil zeitkritische experimentelle Profil Glojnarićs indessen nicht. (Florian Olters/red)