Pulsieren und die Zeit vergessen. Das aspekteFESTIVAL Salzburg 2026

Musik begleitet uns ein Leben lang – in Momenten der Freude, der Trauer, beim Entspannen, beim Feiern, beim Filmeschauen, im Fußballstadion, in der Kirche und beim Nachdenken. Doch das allererste musikalische Erlebnis eines jeden Menschen liegt bereits vor der Geburt: Der Herzschlag der Mutter ist der erste Rhythmus, den ein Ungeborenes hört und fühlt, noch bevor es andere Klänge wahrnimmt.

aspekte-Intendant Ludwig Nussbichler bleibt sich und dem Programm 2026 mit der Frage treu, die er bereits in der letzten Ausgabe 2024 stellte: „Wie hört sich die Welt an?“ Diesmal liegt sein Fokus nicht auf „Stimmen“, sondern auf „Puls“, dem Herzschlag als Rhythmusgeber.

Der erste Rhythmus im Leben. Prägung durch Klang und Vibration

Bereits ab etwa der sechsten Schwangerschaftswoche beginnt das Herz der Mutter, einen gleichmäßigen, beruhigenden Rhythmus durch den Körper zu senden. Im Fruchtwasser umhüllt, nimmt das Kind diesen Puls nicht nur akustisch, sondern auch physisch wahr. Der Herzschlag ist nicht nur ein Zeichen des Lebens, sondern auch ein natürlicher Taktgeber, der das ungeborene Kind rund um die Uhr begleitet.

Der äußere Taktgeber der Mutter wird nach einigen Wochen durch den eigenen inneren Takt ergänzt.

Wissenschaftliche Studien[1] belegen, dass Föten bereits im Mutterleib auf Geräusche reagieren. Der Herzschlag der Mutter ist dabei der konstanteste und unmittelbarste Klang. Er vermittelt Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität – Eigenschaften, die auch später in der Musik als beruhigend und vertraut empfunden werden.

Musikalische Erinnerungen und emotionale Bindungen

Der gleichmäßige Rhythmus kann ein Grund dafür sein, warum Menschen auf bestimmte Taktarten besonders positiv reagieren und warum Wiegenlieder oft an den Herzschlag erinnern. Auch die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind wird durch dieses frühe musikalische Erlebnis gestärkt.

Der Puls und die Musik sind eng verbunden, da sich der Herzschlag an das Tempo und den Rhythmus der Musik anpassen kann, was physiologische Effekte wie Stressabbau oder Leistungssteigerung hat; ruhige Musik verlangsamt den Puls, während schnellere Musik ihn beschleunigt: ergotropen (anregend) oder trophotropen (beruhigend). Parallel dazu existiert die Umkehrung: Liegt ein musikalischer Rhythmus unterhalb unseres eigenen Pulses, empfinden wir ihn als langsam; liegt er darüber, empfinden wir ihn als schnell. Selbst dann, wenn wir unseren Puls gar nicht hören oder bewusst wahrnehmen.

Bei Konzerten synchronisieren sich sogar die Herzfrequenz und die Atmung des Publikums.[2]

Der Puls dient als Symbol für Leben, Liebe und Verbundenheit. Die universelle Sprache des Rhythmus verbindet transkulturell Generationen und Völker – und ihr Ursprung liegt tief in unserem Innersten, im allerersten musikalischen Erlebnis. Mehr noch – Neurowissenschaftler der Universität Regensburg haben vor zwei Jahren spezifische Neuronen gefunden, die den Puls im Gehirn empfinden können. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Art und Weise, wie wir denken und die Welt sehen, von unserem Herzschlag beeinflusst wird.[3]

Es sind nur wenige Jahre her, da haben wir während der Isolation der Corona-Pandemie darüber nachgedacht, wie Komponist:innen arbeiten könnten, ohne ein gemeinsames Publikum in einem Konzertsaal zu versammeln. Eine Komposition für ein unbekanntes Gegenüber, ohne individuelle Vorstellung und Kulturspezifizierung, ist möglich; individuelles Hören – wo auch immer – ist ebenfalls möglich, jedoch würde etwas sehr Entscheidendes auf der Strecke bleiben: das gemeinsame Synchronisieren während eines Konzerts[4]. Denn Herzschlag, Atemfrequenz, Blutdruck und die Leitfähigkeit der Haut werden bei den Musiker:innen sowie bei den Zuhörenden in einen gemeinsamen körperlichen Takt gebracht. Die Prozesse finden nicht bewusst statt, sondern automatisieren sich.[5]

Die Puls-Essenz

Mit diesem Wissen entsteht für Musiker:innen, Arrangeur:innen und Komponist:innen ein immenser kompositorischer Raum: Sie können ein emotionales Gedächtnis sowie ein Arousal[6] aktivieren. Ungeachtet des detaillierten Musiktyps besteht die Fähigkeit, bei den Hörer:innen direkten Einfluss auf die Dichte der Emotionen zu nehmen – von der Euphorie über die Spannung bis zur Entspannung. Und da wir seit jeher kulturelle Nachahmer sind, erlernen wir das Meiste in unseren frühen Lebensjahren durch Imitation. Hier kommt ein direkter Zusammenhang mit der Synchronisation während eines Konzertbesuchs auf.

Die Neue Musik hat seit über 100 Jahren unsere Hör- und Erlebnisgewohnheiten verändert. Zwar gibt es die Tradition der A-Tonalität, der A-Rhythmik und der Disharmonien in außereuropäischen Kulturen seit Jahrtausenden, doch unser Empfinden brauchte und braucht eine lange Zeit, um sich daran zu gewöhnen und es als genussvoll zu erleben. Ein Festival wie das „aspekte“, wird trotz der hohen Qualität, der Ernsthaftigkeit und der zeitgenössischen Strömungen nicht im Massenkonsum aufgehen. Hier stellt sich also die Frage, ob wir weiterhin von „Puls“ sprechen können, wenn – und diese These ist öfters zu hören – in einer Komposition der Rhythmus bzw. der „Fluss“ beim Spielen oder beim Hören als nicht stimmig, homogen, rund und natürlich empfunden wird.

Die Antwort darauf muss natürlich bejaht werden, denn gerade in der Neuen Musik ist immer ein „Puls“ zu spüren, gerade weil sie nicht die Zeit in den Mittelpunkt stellt, sondern den Puls selbst und mit ihm spielerisch bis experimentell umgeht.

Impulse

Das zeigt sich beispielsweise in der folgenden kleinen Auswahl einiger Stücke, die neben vielen Neukompositionen und Uraufführungen auf dem aspekteFESTIVAL 2026 zu hören sind:
Das in der Regel knapp eine Viertelstunde dauernde „Psappha“ (1975)[7] von Iannis Xenakis (1922–2001) vermittelt im Werk des franko-griechischen Komponisten und Architekten „Puls“ in seiner reinsten Form. Betitelt nach der griechischen Göttin, deren Liebespoesie gerühmt wurde, ist die musikalische Interpretation auf Urrhythmen afrikanischer und indischer Musik[8] zurückzuführen.

Bei Peter Ablingers „Regenstücke 1–6“ (1993) spielt jeder Perkussionist in einem separaten Puls. Das Stück mit frei wählbarer Instrumentierung enthält Mikrorhythmen sowie ähnliche Klänge, die im Raum verteilt sind. Ein Stück in 6 Teilen, jeder wie beginnender Regen.[9]

Der argentinisch-spanische Komponist Fabián Panisello hat mit „Seven Japanese Sketches“[10] für Oboe und Streichquartett (2023) eine viertelstündige figurative Inszenierung geschaffen.

Dieses Stück bringt Elemente unserer eigenen Musikkultur in einen Dialog mit denen der japanischen, verbunden mit harmonischen und disharmonischen Spektralharmonien. „Temperierte Hexachordfelder, und im Falle der Oboe multiphonische Materialien mit Klangmaterialien stammen aus den Bonsho-Glocken, dem Sho und den melodischen Wendungen alter Volkslieder, die mir (dem Komponisten) als symbolische und in einigen Fällen auch konkrete Referenz für die Komposition von „Seven Japanese Sketches“ dienten.“[11]

Das Leitthema des diesjährigen Festivals für die Musik unserer Zeit ist in vielerlei Hinsicht Teil unseres Lebens, als Puls der Zeit, als Puls der Stadt, als Rhythmusgeber und Orientierung, als Spannungsmoment und wiederkehrendes, zyklisches System unseres Seins.

Wir pulsieren im aspekteFESTIVAL und können dabei die Zeit vergessen.

Prof. Claus Friede
(Lehrt an der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg / Institut für Kultur und Medienmanagement)

[1] Schönweiler, Reiner; u.a.: Leiter der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck: Pilotstudie zum Hörscreening, Lübeck 2020

[2] Vgl.: Trappe, Hans-Joachim; Voit, Gabriele: Wie unterschiedlich Musik auf Herz und Kreislauf wirkt

Eine randomisierte kontrollierte Studie zur Wirkung von Musikstücken von W. A. Mozart, J. Strauss und ABBA, Berlin 2016

[3]  Vgl.: Bio- & Pharmaanalytik. Sinneswahrnehmung Interozeption erforscht, Würzburg 2024.

[4] Im Fachjargon spricht man von einer interpersonellen Synchronizität.

[5] Vgl.: Madsen, Jens; Parra Lucas C: Cognitive processing of a common stimulus synchronizes brains, hearts, and eyes, Oxford 2022

[6] Im Sinne einer positiven Erregung des zentralen Nervensystems.

[7] Siehe: aspekte 8 (Epicentre), 14. März 2026, 18:45 Uhr / Motus Percussion

[8] Quelle: Bálint András Varga (1941–2019): Gespräche mit Iannis Xenakis, Kraichtal 1995

[9] Siehe: aspekte 4 (ImPulse), 12. März 2026, 18:45 Uhr / NAMES – New Art and Music Ensemble Salzburg

[10] Siehe: aspekte 11 (Secret Theatre), 15. März 2026, 18:45 Uhr / œsterreichsches ensemble fuer neue musik

[11] Zitat aus: Fabián Panisello: About my composition, 2023