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aspekte 3: Sweet Spot: Schiffbruch mit Zuschauer

Stadtgalerie Lehen | Inge-Morath-Platz 31, 5020 Salzburg
11. März 2026
21:00 - 22:00

aspekte 3: Sweet Spot: Schiffbruch mit Zuschauer

11. März 2026
21:00 - 22:00

Mitwirkende:

büro lunaire, Konzept und Dramaturgie
Stefan Schmitzer, Text
Florian Kindlinger, Sounddesign, Live-Elektronik
Reinhold Schinwald, Klangregie, Live-Elektronik
Alexander Bauer, Live-Elektronik
Tímea Urban, Live-Elektronik
Benedikt Alphart, Tontechnik
Gina Mattiello, Stimme
Elisa Azzarà, Flöte
Pablo Marin-Reyes, Posaune
Philipp Lamprecht, Schlagwerk

Programm:

Schiffbruch mit Zuschauer – Live-Hörspiel mit neuen Werken von:

  • Alexander Bauer, Prolog & Epilog für Stimme, Flöte, Posaune, Schlagwerk und Live-Elektronik (2026, UA) – Kompositionsförderung durch die Stadt Salzburg
  • Florian Kindlinger, Das Erhabene & Finale für Stimme und Live-Elektronik (2026, UA)
  • Reinhold Schinwald, Verwirbelungen Ib für Posaune, Tape, Live-Elektronik und Stimme (2026, UA)
  • Germán Toro Pérez, EXIT-MASCHINE für Stimme und Bassflöte (2026, UA)
  • Tímea Urban, Flut & doma für Stimme, Flöte, Posaune, Schlagwerk und Live-Elektronik (2026, UA)

Katastrophen werden in unserer Zeit vor allem als Bilder konsumiert und scheinen stets woanders stattzufinden. Der Zuschauer verliert sich in den Bildern, wird zugleich zum Beobachter und unmerklich Teil des Systems, das diese Bilder hervorbringt.
Die zentrale Frage lautet daher: Was bedeutet es, Katastrophen zu betrachten, ohne selbst betroffen zu sein? Gibt es in der Gegenwart überhaupt noch eine unschuldige Zuschauerposition – oder ist der Blick immer schon verstrickt in mediale, politische und ästhetische Zusammenhänge?

„Es ist eine Lust, sicher an Land den Schiffbruch anderer zu betrachten.“ Mit dieser berühmten Sentenz von Lukrez eröffnet Hans Blumenberg seine Untersuchung des Schiffbruchs als Denkfigur der abendländischen Philosophie. In „Schiffbruch mit Zuschauer“ beschreibt er, wie sich im Bild des Untergangs die großen Fragen nach Ordnung, Wissen und Existenz bündeln. In der Antike veranschaulicht der Schiffbruch die kosmologische Stellung des Menschen. In der Neuzeit jedoch wird er zur Metapher für die Unsicherheit menschlicher Existenz. Der Philosoph verfolgt in seiner Arbeit, wie der Mensch sich selbst und sein Verhältnis zur Welt bestimmt: zwischen Bedrohung und Beobachtung, zwischen Handeln und Denken.

Der Autor Stefan Schmitzer verfasste einen Text, der Blumenbergs Überlegungen reflektiert, weiterschreibt und die Grundlage für dieses Live-Hörspiel bildet. Ausgangspunkt ist dabei eine radikale Verschiebung der Perspektive: Nicht der distanzierte Blick auf den Untergang steht im Zentrum, sondern die Erfahrung einer kollektiven Beteiligung. Schmitzer macht diese Verstrickung offen sichtbar: Das Zuschauen erscheint hier nicht mehr als moralisch unbeteiligt, sondern als Teil eines konsumierenden Wir. Der Text insistiert auf der Unmöglichkeit einer klaren Trennung zwischen Beobachtung und Teilnahme.

In Kooperation mit dem Programmbereich InterMediation an der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst, Universität Salzburg/Universität Mozarteum Salzburg.

„wenn sich das denken verselbstständigt, ist es so, als würde man einen raum voller flackernder bildschirme aus dem augenwinkel betrachten.“
In den beiden Stücken, die das Hörspiel einrahmen, stelle ich dem Text von Stefan Schmitzer akustische Bilder aus dokumentarischen Aufnahmen gegenüber. – Alexander Bauer

Die beiden Kompositionen Das Erhabene und Finale entstehen in enger Kopplung von Text, Stimme und Klangraum. Ausgangspunkt der Klangarbeit ist die gesprochene Sprache als materielles wie formales Ausgangsmaterial. Aus ihr entwickeln sich zeitliche, rhythmische und räumliche Strukturen, die den Verlauf der Stücke bestimmen. Inhaltliche und semantische Aspekte des Textes werden dabei auf gestalterischer Ebene aufgegriffen und transformiert, sodass Text und Klang in eine wechselseitige Beziehung treten. Stimme, klangliche Schichtungen und Geräusche stehen in einem kontrapunktischen Verhältnis, in dem sich Bedeutungs-, Material- und Wahrnehmungsebenen gegenseitig beeinflussen. Die Kompositionen organisieren damit nicht nur musikalische Abläufe, sondern auch Hörpositionen: Räumliche, mediale und zeitliche Verschiebungen lassen Nähe und Distanz, Orientierung und Desorientierung sowie Beobachtung und Involvierung kontinuierlich ineinander übergehen. Auf diese Weise entsteht ein mehrdimensionaler Spannungsbogen, in dem Text, Klang und die subjektive Wahrnehmung der Zuhörer:innen als integrierter kompositorischer Prozess erfahrbar werden. – Florian Kindlinger

Drei Stimmen verhandeln Blumenbergs Metapherngeschichte des Schiffbruchs in einem assoziativen Textgeflecht: Was bedeutet das Schiff? Was der Beobachter? Ist er cool, der Zuschauer? Dazu eine vierte Stimme, die vom Regiepult aus nur Steuerwörter spricht – „textstelle, teststelle, weiter“ – und damit die Ordnung des Diskurses markiert. Die Stimmen arbeiten sich durch Lukrez und Voltaire, durch Turner-Bilder und Leviathan-Mythen, bis die Sprache selbst ins Taumeln gerät.

Impulslose Schwellklänge der Posaune werden über ein Feedback-Delay-Netzwerk zu einem räumlich aufgespannten Klangkontinuum verarbeitet: ein immersives Klangband, in dem die Stimmen zunächst Halt finden. Die Verwirbelungen – die Klangwirbel des Feedback-Netzwerks – sind dabei sowohl kompositorische Technik als auch Metapher: Strudel, die alles, was in sie hineingerät, in Bewegung versetzen und seiner Kontrollierbarkeit entziehen. – Reinhold Schinwald

Die EXIT-MASCHINE imaginiert mit surrealen Metaphern den befreienden Flug „wortloser Denkbilder“ als Rettung vor dem sicheren Untergang im Meer der interpretierenden Worte. Im Dialog mit der Stimme artikuliert die Flöte den Übergang zu einer vermeintlichen Einheit mit der Welt „drunten“ mit. Aber in Wirklichkeit heben wir nicht ab. Uns kann, wenn überhaupt, nur eine wahrhaftige Sprache vom Untergang befreien. – Germán Toro Peréz

In den letzten Monaten habe ich mich immer stärker kreativ mit dem Konzept von Halluzinationen beschäftigt – der Verschmelzung einer „realen“ und einer „verzerrten“ Realität sowie der Unfähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden. Meine Stücke sollen die eigene Position in der Gesellschaft (und das mögliche Schuldgefühl im Zusammenhang mit Privilegien, Nationalität, Reichtum, Frieden – „survivor’s guilt“) durch die Erfahrung einer (sonischen) Halluzination reflektieren, ohne sicher zu sein, ob diese Gedanken aus meinem oder aus dem verzerrten Geisteszustand stammen. Diese Themen liegen mir gerade besonders nahe angesichts der aktuellen politischen Situation (nicht nur) in meiner Heimat, die im vergangenen Jahrhundert mehrere totalitäre Regime durchlebt hat und momentan wieder Sympathien für eine autokratische Herrschaft zeigt – was sich gerade stark wie eine Halluzination anfühlt. – Tímea Urban

Stadtgalerie Lehen

Inge-Morath-Platz 31
Salzburg, 5020 Austria

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